Alte Mühle, Absam (Tirol)

Wieder eine alte Mühle, diesmal sogar noch um einiges älter als die im vorigen Post: Die am Rande des Dorfkerns von Absam im Inntal gelegene Mühle geht in ihrer Bausubstanz auf das Spätmittelalter zurück. Allerdings sieht man ihr das Alter von außen nicht unbedingt an, handelt es sich doch um einen einfachen kastenartigen Bau mit weiß verputzten Wänden und dem für die Region typischen hölzernen Giebelverbau unter dem auskragenden Dach.

Trotz des mittelalterlichen Ursprungs ist das Aussehen der Mühle heute von einer deutlich späteren Epoche geprägt. Das auffälligste Gestaltungselement bilden nämlich die Fassadenmalereien vom Ende des 18. Jahrhunderts. 1797 datiert, zeigen sie noch deutlich die Merkmale des ornamentfreudigen Spätbarock, auch wenn sich in manchen Details bereits die schlichteren Formen des Klassizismus ankündigen. Helle Blau-, Rot- und Ockertöne dominieren die Architekturmalerei, die die Fassaden gliedert: an den Ecken wuchtige gemalte Quader, die durch aufgemalte „Putzrosetten“ jedoch erstaunlich zart und elegant wirken; ähnliche Rosetten finden sich auch in den fingierten Ecksteinen der Fensterumrahmungen; eine schmale Ornamentleiste markiert die Grenze zur hölzernen Dachzone. Als eine Art besonderes Schmankerl wurde an der Straßenseite zwischen die realen Fenster auch noch ein zur Gänze gemaltes Scheinfenster eingefügt. Eine illusionistische Spielerei, wie sie gerade im Barock sehr beliebt war.

Besonders aufwändig ist die Bemalung der Stirnseite. Hier sind zwischen die beiden Fensterachsen zwei Bildfelder mit figürlichen Darstellungen eingeschoben. Zuoberst erblickt man ein Madonnenbild in einem medaillonartigen Rahmen, der von zwei Engelchen getragen wird. Oben trägt der Rahmen eine Krone, die die Dargestellte als Himmelskönigin ausweist, seinen unteren Abschluss bildet hingegen eine Inschriftenkartusche. In ihr sind bis heute in ländlich-altmodischer Orthographie die Worte zu lesen: „Maria die wir dich als Hauß Batronin grüßen / Laß uns durch deine Hilff den Sögen gottes eingfangen.“

Allerdings hielt man allem Anschein nach Maria allein als Hauspatronin nicht für ausreichend, denn eine Etage darunter wurde noch ein weiteres Heiligenbild angebracht. Es zeigt den Hl. Romedius, wie er auf einem Bären zum Bischof von Trient auf Besuch reitet.

Romedius lebte nämlich, so erzählt die Legende, gemeinsam mit seinen Gefährten Abraham und David als Einsiedler am Nonsberg im Trentino. Als er kurz vor seinem Tod noch einmal den Hl. Bischof Vigilius in Trient besuchen wollte, schickte er einen seiner Gefährten, um sein Pferd von der Weide zu holen. Der aber stieß dort auf einen Bären, der gerade dabei war, das Pferd zu zerfleischen. Da zwang Romedius den Bären, ihn anstelle des getöteten Reittiers nach Trient zu tragen. Damit nicht genug: Wie auf dem Wandbild in Absam zu sehen ist, heilte er unterwegs auch noch eine Besessene, indem er ihr einen Dämon austrieb. Die Darstellung entspricht übrigens ziemlich genau einem zeitgenössischen Kupferstich, der den Kult des Heiligen befördern sollte. Sowohl das Wandbild als auch der Kupferstich zeigen im Hintergrund überdies die heute noch bestehende Einsiedelei des Heiligen im Nonstal.

Dass Romedius gerade hier in Absam so prominent dargestellt wurde, ist sicher kein Zufall: Der Überlieferung nach stammte er nämlich aus dem Nachbarort Thaur, der auch eines der Zentren des Romedius-Kults bildete. Auch der Zeitpunkt der Darstellung – direkt unter dem Bild ist die Jahreszahl 1797 angebracht – ist wohl nicht ganz zufällig. Denn obwohl der Heilige vor allem in Tirol schon seit Jahrhunderten verehrt worden war, wurde sein Kult erst 1795 vom Papst offiziell bestätigt – was naturgemäß zu einem Aufschwung seiner Verehrung führte.

Die Jahreszahl 1797 ist aber auch in anderer Hinsicht interessant. Im Jänner dieses Jahres war es in Absam nämlich zu einer Art Marienerscheinung gekommen, die den Ort rasch zu einem beliebten Wallfahrtsziel machte. Auch wenn die Alte Mühle an sich ein rein profaner Zweckbau ist, so ist ihre Fassadengestaltung mit dem Madonnen- und dem Romedius-Bild also nicht zuletzt ein interessantes Zeugnis der örtlichen Frömmigkeitsgeschichte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert.

 

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