Ehm. Gasthof Altwirt, Rum (Tirol)

Schon im vorigen Beitrag ging es um die reiche Tradition der Fassadenbemalung in Tirol, für die sich vor allem aus dem Zeitalter des Barock eine ganze Reihe herausragender Beispiele erhalten hat. Heute nun ein weiteres davon: der frühere Gasthof Altwirt in Rum, der vor einigen Jahren als Gemeindeamt adaptiert wurde. Der Bau stammt aus der Zeit um 1700 und ist einer jener typischen Einkehrgasthöfe, die Reisenden nicht nur Kost und Quartier boten, sondern auch die Möglichkeit zum Pferdewechsel boten und manchmal überdies als Poststation dienten. Die Architektur ist dementsprechend einfach und funktional gehalten: Im Grunde handelt es sich um einen dreigeschoßigen Kasten mit aufgesetztem Giebeldach. Immerhin belebt ein polygonaler Erker an einer der Ecken zur Straße die Erscheinung des Gebäudes, aber die Regelmäßigkeit, mit der die zahlreichen Fenster über die Fassaden verteilt sind, verleiht ihm ein im Großen und Ganzen doch eher eintöniges Aussehen.

Im Zentrum der straßenseitigen Fassade findet man wieder das quasi obligatorische Madonnenbild, das hier die prächtige Rahmung einer Sonnenuhr abgibt. Es zeigt Maria in der Variante der Immaculata: mit Sternenkranz ums Haupt und der Mondsichel zu ihren Füßen, auf der Weltkugel stehend und der Schlange als Symbol des Bösen den Kopf zertretend. Flankiert wird sie von der Hl. Katharina und Johannes dem Täufer

Ansonsten beschränkt sich die Bemalung auf den Erker und die Fensterumrahmungen. Obwohl Letztere großen ornamentalen Reichtum aufweisen, wirken sie aufgrund ihrer einheitlichen Gestaltung insgesamt aber doch etwas repetitiv. Sie unterstreichen den einförmigen Charakter der Fassade fast mehr, als dass sie ihn beleben.

Allerdings lohnt es sich in diesem Fall, näher heranzugehen und genauer hinzusehen. Denn über jedem der Fenster ist inmitten des üppig wuchernden barocken Rahmenwerks eine Art Portraitbüste in Grisaillemalerei angebracht – und diese Büsten sind nun keineswegs einheitlich gestaltet. Vielmehr zeigen sie eine variantenreiche Abfolge von ‚Charakterköpfen‘ – gewiss eher ‚Typen‘ als Porträts im engeren Sinn – in ländlicher Tracht.

Man kennt solche grau in grau gemalten, oft auch explizit Statuen imitierende, Porträtbüsten aus der Bemalung barocker Schlösser oder Klöster – dort stellen sie üblicherweise jedoch Gelehrte, Helden oder Herrscher, meist aus der römischen Antike, dar. (Ein Beispiel dafür kann man etwa in meinem Post zu Stift Vorau aus dem Mai dieses Jahres sehen.) Am alten Gasthof in Rum wurde dieses Motiv gleichsam ins bäuerliche übersetzt: Hier ist in den wiedergegebenen Köpfen statt Figuren aus der Geschichte die Klientel des Hauses versammelt und verewigt.

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