Ehm. Gasthaus Kramerwirt, Unken (Salzburg)

An die beiden vorigen Beiträge anknüpfend, geht es auch heute wieder um einen alten Einkehrgasthof. Als Abschluss dieser kleinen „Serie“ führt der ehemalige Kramerwirt in Unken nun eine dritte Variante der Fassadengestaltung vor: die Stuckdekoration.

Im nördlichsten Zipfel des Salzburger Pinzgaus, hart an der jetzigen Grenze zu Bayern, gelegen, diente Unken nachweislich schon im 16. Jahrhundert als Poststation auf dem Weg von Innsbruck nach Wien. Ähnlich weit reicht die Geschichte des dortigen Einkehrgasthofs zurück: Er wird bereits 1598 erstmals urkundlich erwähnt. Auch der heute bestehende dreigeschossige Bau mit Schopfwalmdach geht im Kern immerhin auf das 17. Jahrhundert zurück. Das ist ihm freilich von außen nicht unbedingt anzusehen, denn die Fassade erhielt ihre jetzige Gestalt erst bei einem Umbau durch Nikolaus Rainer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Veränderungen waren dabei so weitreichend, dass der Bauherr sich berechtigt glaubte, „Erbaut 1832“ in den Kragstein des Portals meißeln zu lassen, auch wenn das Gebäude damals keineswegs von Grund auf neu errichtet wurde.

Nikolaus Rainer war zur Zeit des Biedermeiers eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Region und maßgeblich an der Etablierung Unkens als Fremdenverkehrsort beteiligt. Es war die Epoche, in der die alpenländische Gebirgslandschaft eben als Erholungsraum für das städtische Bürgertum entdeckt und erschlossen wurde, und der Ausbau einer Heilquelle in Unken trug noch zusätzlich zur Anziehungskraft des Ortes bei. In einer Beschreibung von 1843 liest man dazu:

„Der gegenwärtige Eigentümer des Schider-Bades in Unken, Hr. Nikolaus Rainer, einer der wohlhabendsten Bewohner des salzburgischen Gebirgs, besitzt in Unken, an der so belebten Poststraße von Salzburg nach Innsbruck, zwei große, massiv von Stein gebaute Gasthäuser, welche nebst dem am Ufer der Saale unmittelbar unter dem Gasthause zum Oberrain neu erbauten Badhause mit 14 bequemen zum Theil sogar gemalten Badzimmern, 45 Fremdenzimmer enthalten, welche sämmtlich ausgemalt, elegant meublirt, und mit sehr einfachen guten Betten versehen sind.“ (Die Bayerische Landbötin, No. 89, 27.Juli 1843, S. 782.)

Von ausgesprochener Eleganz ist denn auch die klassizistische Fassadengestaltung des ehm. Kramerwirts, die alle Seiten des Gebäudes einheitlich überzieht. Die präzise ausgeführte Quaderung des Erdgeschosses wird nach oben von einem schmalen ornamentalen Fries abgeschlossen, darüber sind es wie so oft die Fensterrahmungen, denen das Hauptaugenmerk der Dekoration galt. In Stuck ausgeführt, zeigen sie in den Parapetfeldern plastisch modellierte Früchtegirlanden, während sie nach oben von aufwändigen Ohrenrahmungen umfasst werden. Letztere werden wiederum jeweils von einem Korb mit Obst und Früchten bekrönt, die das Thema der Parapete fortsetzen. Nur das zentrale, direkt über dem Portal gelegene Fenster der Hauptfassade zeigt an dieser Stelle stattdessen das Auge Gottes, wie um den göttlichen Segen auf das Haus und seinen Eingang herabzulenken.

Auch wenn man bei Stuckdekorationen meist eher an die Baukunst des Barock denkt, so erinnert der Kramerwirt in Unken auf prägnante Weise daran, wie sehr diese Art der Fassadengestaltung auch im Biedermeier noch en vogue war. Zumeist findet man biedermeierliche Stuckfassaden allerdings an städtischen Bürgerhäusern, und in den Dörfern des Pinzgaus stellt der alte Unkner Gasthof diesbezüglich ein Unikat dar. Aber die ursprünglichen Adressaten der Neugestaltung von 1832 waren eben weniger die Einheimischen, sondern primär die in den Ort strömenden Touristen, denen auch inmitten der urtümlichen Gebirgslandschaft zumindest bei der Unterbringung doch so etwas wie städtischer Komfort und Eleganz geboten werden sollte.

 

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