Nordportal, ehm. Benediktinerabteikirche, Klein-Mariazell (Niederösterreich)

Die steirische Wallfahrtskirche Mariazell kennt in Österreich heute wohl so ziemlich jede/r, die ehemalige Benediktinerabtei Mariazell im Wienerwald ist hingegen nur wenigen Begriff. Um Verwechslungen zu vermeiden wurde Letztere dem Namen nach sogar zu Klein-Mariazell degradiert, und das, obwohl sie eigentlich zwei Jahrzehnte älter ist als ihre steirische Namensvetterin. Gegründet wurde die Abtei im Wienerwald nämlich schon 1136 durch die Brüder Heinrich und Rapoto von Schwarzenberg-Nöstach, zwei Verwandte von Markgraf Leopold III. (1073-1136), der die Stiftung ebenfalls förderte. Im Kern stammt auch die Abteikirche (heute Pfarrkirche) noch aus der Gründungszeit, obwohl sie in späteren Jahrhunderten stark verändert bzw. überformt wurde: Heute präsentiert sie sich im Wesentlichen in barockem Gewand.

Die ersten größeren Eingriffe erfolgten aber bereits gegen Mitte des 13. Jahrhunderts, als drei spätromanische Portale in die vorhandene Bausubstanz eingefügt wurden. Das spektakulärste davon ist das mehrfach abgetreppte Nordportal, das besonders reich skulptiert ist. Über den mit Knospenkapitellen verzierten Gewändesäulen erhebt sich eine Archivoltenzone, die eine Vielzahl geometrischer Muster präsentiert: Zacken- und Schlingenbänder ebenso wie Rundbogen- und Zahnfriese. Jede der Archivolten zeigt dabei eine ganz eigene Formenzusammensetzung, so als hätten die Steinmetze tunlichst darauf geachtet, sich nur ja nicht zu wiederholen.

Der hier anzutreffende Formenapparat mit seiner Vorliebe für Zick-Zack-Bänder und ähnliche geometrische Muster wurde im 11. und 12. Jahrhundert im damals gerade normannisch gewordenen England geprägt und wird daher meist als Normannischer Stil bezeichnet. Zumindest eine (wenn nicht mehrere) der anglo-normannischen Steinmetzwerkstätten war in den Jahren um 1230-1250 aber auch auf dem Festland, genauer gesagt in Mitteleuropa tätig. In dieser Zeit entstand in Bayern, Österreich, Mähren und Ungarn eine ganze Reihe von aufwändig dekorierten Portalen im Normannischen Stil.

Ähnliche Dekorationsformen wie am Nordportal von Klein-Mariazell findet man etwa auch am Portal des Karners in Tulln oder am Riesentor des Wiener Stephansdoms. Da alle drei dieser Bauten durch Herzog Friedrich II. (1211-1246) gefördert wurden, wird angenommen, dass hier auch ein direkter Zusammenhang besteht: Vermutlich stellte der Herzog die für den Umbau des Stephansdoms engagierten Steinmetze bei Bedarf für kleinere Bauprojekte im Wiener Umland ab. So kam auch die Abteikirche von Klein-Mariazell Mitte des 13. Jahrhunderts zu einem Portal, das den damals aktuellsten Architektur-Trends entsprach.

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