Seilerhaus, Wien III

Das sog. Seilerhaus Am Heumarkt ist einer von mehreren beeindruckenden Großbauten des Biedermeiers an diesem Straßenzug. Ursprünglich 1808 von Josef Dalberg errichtet, wurde es 1826 durch Franz Reymund erweitert und mit einer neuen Fassade versehen. Um zwei weite Innenhöfe gruppiert, reicht das Gebäude nach hinten bis zur Beatrixgasse und repräsentiert damit den Typus des biedermeierlichen Großwohnhauses, der später wesentlichen Einfluss auf die Genese der Wiener Gemeindebauten haben sollte. Das Prunkstück des viergeschossigen Baus ist aber die langgestreckte klassizistische Fassade Am Heumarkt, die immerhin 19 Fensterachsen umfasst. Die sieben zentralen Achsen treten leicht hervor und bilden so einen flachen, fast nur angedeuteten Mittelrisalit. Dieser ist zusätzlich durch dorische Pilaster in den oberen Geschoßen hervorgehoben – und durch ein breites Giebelfeld, das ihn bekrönt.

Es lohnt sich, gerade diesem Giebel seine Aufmerksamkeit zu schenken, denn er enthält eine aufwändige skulpierte Allegorie auf Handel und Industrie. Im Zentrum erblickt man Merkur, den Gott des Handels, in antikisierender Nacktheit, mit Flügeln an Helm und Schuhen und dem Botenstab in der Hand. Flankiert wird er von zwei Frauenfiguren, von denen eine durch eine Inschrift auf dem Schild in ihren Händen als Verkörperung der Industrie gekennzeichnet ist; die andere hält ein Füllhorn und symbolisiert so wohl Reichtum und Prosperität.

An den Rändern kommen weitere, schwerer zu deutende Figuren hinzu. Rechts eine nackte Jünglingsgestalt neben einem Bild der Sphinx. Hier könnte es sich um Ödipus handeln, der das Rätsel der Sphinx löste – eine Begebenheit, die im 19. Jahrhundert gern als Triumph der Kultur über die ungezähmte Natur interpretiert wurde. Aber das ist, ehrlich gesagt, bloß Spekulation.

Ebenso schwer zu deuten ist die Figur links: Ein lesender Jüngling, über den ein geflügelter Genius einen Kranz hält. Vielleicht ein Sinnbild für den denkenden, forschenden Geist? Vielleicht ist es aber auch nur jemand, der zu Weihnachten ein Buch geschenkt bekommen hat und sich nun gleich darin vertieft, während alle um ihn herum noch fröhlich feiern… Wie dem auch sei, ich wünsche allen Leserinnen und Lesern auf diesem Wege ein frohes Fest!

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