Wohn- und Geschäftshaus, Bregenz (Vorarlberg)

Nun startet auch der Blog wieder ins Neue Jahr, und was passt da besser als ein Schiff, das mit geblähtem Segel vorwärtsstrebt und auf dem Rumpf mit Fortuna – Glück – beschriftet ist?

Bei dem Schiff handelt es sich um ein Stuckornament am Erkerfuß eines Gründerzeithauses in der Bregenzer Kaiserstraße, Hausnummer 13, das im Jahr 1902 errichtet wurde. Der über dem Eingangsportal hervorkragende Erker bildet das auffälligste Zierelement der asymmetrischen Fassade. Sein Fuß ist mit Stuck dekoriert: Blätter und Ranken akzentuieren seine Gratlinien, an den Ecken sind Tierköpfe angebracht, außen jeweils Schafe, innen Löwen mit weit aufgerissenem Maul.

Die Kaiserstraße präsentiert sich bis heute als gründerzeitliche Geschäftsstraße, und auch die Nummer 13 diente von Anfang an nicht nur als Wohn-, sondern auch als Geschäftshaus. Darauf verweist noch das stuckierte Schiff, auf dessen Achterdeck sich die Warenkisten und -ballen stapeln. Und darauf verweist auch die wappenartige Kartusche über dem Portal, in der man die verschlungenen Initialen C und D erkennt. Sie erinnern bis heute an die Schnitt- und Modewaren-Handlung C. Darthe, die sich im frühen 20. Jahrhundert an dieser Adresse befand. Leider konnte ich in diesem Fall nicht eindeutig klären, wofür oder besser für wen in diesem Fall das C. steht. Denkbar wäre Conrad Darthe, der seit den 1870er-Jahren als Betreiber eines Stoff- und Kleidergeschäfts in Feldkirch aufscheint und spätestens in den 1880ern eine Dependance in der Bregenzer Kaiserstraße eröffnete. Allerdings ist als Geschäftsadresse für Conrad Darthe zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kaiserstraße 16 ausgewiesen. Zur gleichen Zeit begegnet aber auch ein Modewarengeschäft Conrad Darthe in der Kaiserstraße 10, das den Beinamen „Zum jungen Darthe“ trägt; vermutlich handelte es sich bei dessen Inhaber also um den Sohn des Ersteren. Daneben begegnet allerdings auch noch eine Caroline Darthe, möglicherweise Tochter bzw. Schwester der Vorgenannten: Sie wird 1891 als Alleininhaberin der Firma „C. Darthe, Manufactur-, Mode- und Wirkwaaren“ genannt und erhält 1893 auch die Prokura über das noch bestehende Geschäft in Feldkirch. 1918 scheint sie als Mitbegründerin des Vorarlberger Witwen- und Waisenbundes auf und wird bei dieser Gelegenheit ebenfalls noch als Geschäftsinhaberin in Bregenz angeführt.

Um es also vorsichtig zu formulieren: Das dahinsegelnde Transportschiff erinnert an eine ganze Händlerfamilie, der, wie es scheint, einst fast die ganze Straße gehörte. Nun, nicht die ganze Straße: In der Vorarlberger Landes-Zeitung vom 1. März 1913 findet sich im Anzeigenteil eine kuriose Erklärung, die von einem gewissen Oskar Ernst unterzeichnet ist. Er betrieb an der Adresse Kaiserstraße 14 das Warenhaus „Zur Wiener Mode“ und war von der Konkurrenz durch die Firma Darthe offenbar wenig angetan – in seiner öffentlichen Erklärung heißt es:

„Nachdem die in dem an mein Geschäft angrenzenden Laden des Konrad Darthe beschäftigten Mädchen nach wie vor in der unverfrorensten Weise die meine Auslage besichtigenden P. T. Passanten durch Zurufe verschiedenster Art belästigen und meine verehrlichen Kunden von meinem Geschäfte weg in das der erwähnten Firma gehörige zu locken versuchen, des Oefteren dabei von Erfolg begleitet sind und meiner diesbezüglichen Anzeige bei dem Gewerbe-Referat der k.k. Bezirkshauptmannschaft mangels eines Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb keine Folge gegeben werden konnte, sehe ich mich zur Wahrung meiner Interessen genötigt, dieses ungehörige Vorgehen öffentlich zu brandmarken und wiederholt dringend darauf hinzuweisen, daß der Eingang in mein Geschäftslokal nur zwischen den zwei großen Schaufenstern sich befindet.“

Was weiter bei der Geschichte herauskam, vermag ich leider nicht zu sagen. Aber die Klage des Herrn Ernst zeigt doch, dass man auch damals schon gewillt war, dem Glück in Handelsdingen ein wenig nachzuhelfen…

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