Villa Novak, Wien XVI

Als Ottakring 1892 zusammen mit den anderen ehemaligen Vororten offiziell nach Wien eingemeindet wurde, war der alte Weinhauerort längst zu einer Vorstadt von industrieller Prägung angewachsen. Von anderem Charakter waren und sind freilich die höheren Lagen, wo sich von den Hängen des Wilhelminenberges prachtvolle Ausblicke über die Stadt bieten: Hier reihen sich stattdessen die Landhäuser und Villen der Oberschicht aneinander. Viele davon stammen von Baumeister Thomas Hofer (1826–1895), dessen zahlreiche Bauten in Ottakring das Gesicht des Stadtteils bis heute prägen. Am auffälligsten unter seinen Werken ist wohl die burgähnliche Villa Novak, die 1886 am oberen Ende der Gallitzinstraße für den Gemeinderat Moritz Novak errichtet wurde.

Die historistische Villa passt auch ganz gut zum heutigen Faschingsdienstag, denn es handelt sich gewissermaßen um ein Gebäude im Kostüm: Es heißt, die Anlage imitiere das berühmte Schloss Miramare in Triest, das im Wesentlichen in den Jahren 1856–1860 erbaut worden war. Wenn dies tatsächlich die Absicht des Architekten war, dann muss man allerdings sagen, dass das Kostüm nicht sonderlich gut geglückt ist. Gewiss lässt sich die eine oder andere oberflächliche Übereinstimmung feststellen: die weiße Farbe etwa, die allerdings in Triest von dem verwendeten hellen Kalkstein herrührt, in Wien hingegen mittels Verputz hergestellt werden musste. Auch die Gliederung der Hauptfassade zeigt gewisse grobe Ähnlichkeiten – den nur leicht, aber doch erkennbar akzentuierten Mittelrisalit etwa oder den seitlich angebauten Turm – aber in den Details dominieren die Unterschiede: Schon die polygonale Form der Türme und deren auskragender oberer Abschluss erinnert bei der Villa Novak weniger an Miramare als an Wiener Bauten wie die Rossauer Kaserne (1865–1869) oder das Arsenal (1849–1856) – wobei Letzteres auch bereits zu den architektonischen Vorbildern von Schloss Miramare zählte.

In gewisser Weise schließt sich hier also der Kreis. Es scheint, dass die Villa Novak weniger auf ein einzelnes konkretes Vorbild rekurriert, sondern eher auf einen ganzen Pool an Wiener und wienerisch inspirierten Gebäuden der 1850er und 1860er Jahre. Tatsächlich wirkt die Villa für ihre Entstehungszeit Mitte der 1880er etwas altmodisch: Nicht zuletzt der markante, vor die Dachtraufe gelegte enge Zinnenkranz stellt einen deutlichen Bezug zur englischen Tudorgotik her, die sich in der Frühphase des Historismus, eben von ca. 1850 bis 1870, größerer Beliebtheit erfreute. Daneben finden sich aber auch modernere Elemente wie der umlaufende florale Fries, der der Fassade einen malerischen Eindruck verleiht und den Bau damit doch deutlich im Späthistorismus verankert.

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