Schöpferhaus, Innsbruck (Tirol)

Seit Tagen reitet nun Kaiser Maximilian über die Fernsehschirme, und das hat mich an einen meiner alten Posts erinnert: Es geht darin um die heraldischen Malereien am spätgotischen Zellerhaus in Innsbruck, die zumindest indirekt mit Maximilian in Verbindung stehen. Das Zellerhaus war dann auch noch Thema eines späteren Posts, der ganz dem Reliefschmuck des Erkerfußes gewidmet war, wo ein Hauszeichen und zwei Wappenschilde angebracht sind. Diese Art der heraldischen Dekoration am Erkerfuß ist/war typisch für Innsbrucker Bürgerhäuser an der Wende vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit. Ein weiteres schönes Beispiel dafür findet man am sog. Schöpferhaus, das sich wie das Zellerhaus in der Herzog-Friedrich-Straße befindet. Auch hier ist der unterste Brüstungsbereich des mehrgeschoßigen, polygonalen Erkers mit drei spätgotischen Wappenreliefs versehen. Zwischen den Reliefplatten und an den Seitenrändern befinden sich schmale Nischen, die möglicherweise zur Aufnahme von kleinen Figürchen dienten oder wenigstens dafür gedacht waren. Auch die Wappen selbst sind mit einigem dekorativen Aufwand gestaltet: Sie sind als Vollwappen wiedergegeben, mit Helm und Helmzier über dem Wappenschild, und die Helmdecke löst sich in geradezu vegetabil anmutende Ranken auf, die den Grund der Reliefplatten vollständig überziehen.

Der heute übliche Name des Hauses verweist auf einen späteren Besitzer, den Apotheker Schöpfer, der das Gebäude zur Zeit des Barock innehate. Als Apothekerhaus ist es aber schon vorher, nämlich seit dem frühen 16. Jahrhundert nachgewiesen. Erstmals erwähnt wird das Gebäude 1486, als es vom Stadtschreiber Jörg Costenzer erworben wurde. Nach dessen Tod im Jahr 1503 ging es an seinen Sohn Benedikt, der mit einer Walpurga von Steuffen verheiratet war. Als Mitbesitzer erscheinen bald darauf die Tochter und der Schwiegersohn des Paares, Agathe Costenzer und Mathias Rumler – ein wohlhabender Apotheker. Auf diese Konstellation verweist die Auswahl der Wappen am Erker: Vom Betrachter aus links erblickt man jenes der Familie Costenzer mit einem steigenden Panther als Wappentier, in der Mitte jenes von Rumler mit dem Greif, rechts schließlich das gevierte Wappen der Familie Steuffen. Damit ergibt sich als Datierung für die Reliefs die Zeitspanne zwischen 1503 und 1517, dem Jahr als das Gebäude ganz in Rumlers Besitz überging.

Auffällig ist, dass nicht, wie man vielleicht erwarten würde, das Wappen der Costenzer die prominente Mittelposition einnimmt, sondern eben das von Rumler. Vermutlich liegt dies daran, dass der Lebensmittelpunkt von Benedikt Costenzer de facto nicht in Innsbruck, sondern in Freiburg i. B. lag, wo er bereits 1497 das Bürgerrecht erworben hatte. Rumler hingegen war fest in Innsbruck verwurzelt: Neben dem Haus in der heutigen Herzog-Friedrich-Straße verfügte er über Hausbesitz in Hötting und Wiesen auf dem Saggen, zudem war er Ratsbürger, Kirchpropst zu St. Jakob, Pfleger der Allerheiligenkirche und Stifter einer Kapelle im alten Friedhof der Stadt. Auch wenn es sich nicht mehr mit Sicherheit feststellen lässt, spricht daher vieles dafür, in Mathias Rumler den Hauptnutzer des Schöpferhauses im frühen 16. Jahrhundert zu sehen und in ihm die treibende Kraft hinter der Neugestaltung der Fassade und der Anbringung der Wappen zu vermuten.

Stilistisch stehen die Reliefs dem Werk des Baumeisters und Steinmetzen Gregor Türings (um 1475-1543) nahe, der seit 1503 als Meister in Innsbruck tätig war – zunächst noch in der Werkstatt seines Vaters Niklas Türing d. Ä., mit dem er u. a. am Goldenen Dachl zusammenarbeitete, später dann eigenständig.* Auf ihn gehen zahlreiche Innsbrucker Bürgerhäuser zurück, die sich, wie das Schöpferhaus, durch Reliefschmuck in einem Übergangsstil zwischen Spätgotik und Renaissance auszeichnen und das Bild der Altstadt bis heute prägen.


*) In der Deutschen Biographischen Enzyklopädie werden die Reliefs am Schöpferhaus Gregors Sohn Niklas Türing d. J. (gest. 1558) zugeschrieben (Deutsche Biographische Enzyklopädie, 2. Ausgabe, hrsg. von Rudolf Vierhaus, Band 10: Thies-Zymalkowski, München 2008, S. 136). Das ist mit Sicherheit falsch, denn Niklas d. J. tritt erst ab den 1540ern als Baumeister in Erscheinung und wurde auch erst 1548 als Bürgersohn in den Bürgerstand aufgenommen – er war also zu jung, um als Urheber eines vor 1517 geschaffenen Werks in Frage zu kommen.

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2 Antworten zu Schöpferhaus, Innsbruck (Tirol)

  1. Anna schreibt:

    Tolle Recherche! Sie beinhaltet viele mir neue Informationen zur Hausgeschichte und dem Reliefschmuck. Danke!

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