Miethaus, Wien III

Vor einiger Zeit stieß ich im Internet auf ein Foto der hier gezeigten Fassade in der Gigergasse. Jemand hatte es online gestellt, weil man daran noch eine  Oberleitungsrosette der ehemaligen Pressburger Bahn sehen kann. (Sie ist auch auf meinem obigen Foto gut zu erkennen.) Da ich mich aber mehr für Kunst und Architektur als für die Geschichte der öffentlichen Verkehrsmittel interessiere, muss ich gestehen, dass meine Aufmerksamkeit sehr rasch von der Rosette zu den Fenstergittern und ihren einfachen, aber markanten Jugendstilformen wanderte.

Die äußeren Teile der Fenstergitter nehmen genau die Breite der architektonischen Fensterrahmungen ein und sind als streng rechtwinkliger Raster gestaltet. Unten münden sie in kreisförmigen Ornamenten, die zugleich die Fixierung in der Hauswand bilden. Der breite Mittelteil der Gitter ist dagegen in geschwungenen, organischen Formen aufgelöst und bildet ein symmetrisches Muster, das an eine stilisierte Blüte, ein wenig auch an einen Schmetterling erinnert.

Das Gebäude wurde 1907 nach Plänen von Carl Caufal (1861–1929) errichtet. Wie für Caufals spätere Werke typisch mischt der zurückhaltende Fassadendekor Neobarock mit Jugendstil und ist in dezentem, flachem Relief gehalten. Die Fenstergitter tragen somit wesentlich zur Wirkung der ansonsten eher schlichten Fassade bei und zeigen, wie wichtig solche oft unbeachteten Details sein können.

Noch ein anderes Phänomen lässt sich an dem Bau gut beobachten, und zwar die Bedeutung von Farbe in der Architektur. An der Seite zur Gigergasse ist das Eckhaus nämlich noch mit dem alten graubraunen Anstrich versehen, der bis vor gar nicht langer Zeit in Wien noch allgegenwärtig war.* An der anderen, zur Stelzhamergasse gelegenen Seite wurde die Fassade jedoch in jüngerer Zeit in einem hellem Blau neu gestrichen. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit dieser Farbton dem ursprünglichen Erscheinungsbild entspricht, denn tendenziell wurden im Wien der Ringstraßenzeit Anstriche in eleganten Grauschattierungen gegenüber farbigen bevorzugt. Ich finde, ehrlich gesagt, das einheitlich über die ganze Fassade gezogene, etwas verwässert wirkende Blau auch ästhetisch nicht übermäßig ansprechend. Aber einen bemerkenswerten Kontrast zum Graubraun der anderen Gebäudeseite bildet es allemal.


*) Diese Art des Anstrichs wurde während des Zweiten Weltkriegs an zahlreichen Gebäuden als Luftschutzmaßnahme angebracht, um sie vor allem nachts für die angreifenden Bomber der Alliierten schlechter sichtbar zu machen.

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