Wohn- und Geschäftshaus, Kirchbach in Steiermark (Steiermark)

Ich habe letztens erwähnt, dass man im Wien der Gründerzeit dezent graue, Steinfarbe imitierende Verputze gegenüber farbigen bevorzugte – bunte Fassaden galten in derDonaumetropole als provinziell. So ist es denn kein Zufall, dass man etwa intensiv-blaue Fassaden aus dieser Zeit tatsächlich eher in der „Provinz“ findet. Das Jugendstilhaus in Stockerau, über das ich hier vorige Woche geschrieben habe, ist dafür genauso ein Beispiel wie das Wohn- und Geschäftshaus in Kirchbach, um das es heute geht: Ein helles, aber kräftiges Blau bildet den Grundton, in Weiß gesetzte Akzente heben die einzelne Architekturelemente hervor und betonen so die Struktur des Gebäudes.

Das Haus wurde um 1880 als „stilreiner“ Neorenaissance-Bau errichtet und entspricht damit ganz dem Geschmack des strengen Historismus, der damals Mode war. Beide Geschosse sind gebändert, das Erdgeschoß in relativer grober Bandrustika, das Obergeschoß feiner, fast subtil. Nur die Kanten der beiden seitlichen, leicht hervortretenden Risalite sind oben durch kräftigere Eckquader betont. Diese Quader sind durch ihre weiße Einfärbung noch zusätzlich hervorgehoben, wie auch die Gesimse zwischen den Geschoßen und die Fensterrahmen. Letztere sind in den äußeren Fensterachsen aufwändiger gestaltet und durch ädikulaförmige Rahmen gegenüber den einfacheren Fenstern in der Mitte betont. Alles in allem handelt es sich um einen souveränen Bau, der hier am Hauptplatz eines regional bedeutenden Marktorts durchaus etwas hermacht – auch wenn er, realistisch betrachtet, in einem anderen, städtischeren Umfeld wohl gar nicht weiter auffallen würde.

Ich hätte mich vielleicht auch gar nicht entschlossen, diesem Gebäude einen eigenen Beitrag zu widmen, wenn da nicht noch ein weiteres sehenswertes Detail wäre, nämlich die gut erhaltene Geschäftsfassade, die den Mittelteil des Erdgeschoßes einnimmt. Allem Anschein nach stammt sie aus den 1950er-Jahren, zumindest weist sie die für diese Zeit charakteristischen Merkmale auf: die schmalen Metallrahmen an Schaufenstern und Tür, den geknickten Türgriff und vor allem die auffällige Schrift, die sich darüber hinzieht. Es ist eine typische Nachkriegszeit-Schrift, die sich betont modern und informell gibt: Schwungvolle Schreibschrift imitierend, kursiv und dynamisch, unterscheidet sie sich deutlich von den steiferen, formellen Fassadenschriften, wie sie in den Jahrzehnten davor üblich gewesen waren. Groß und in kräftigem Rot gehalten, hebt sie sich von der Fassade ab und lässt den Namen der Geschäftsinhaberfamilie schon von weitem erkennen.

Das vielleicht Schönste daran ist, dass es sich nicht um die geisterhafte Fassade eines längst aufgelassenen Ladens handelt, sondern dass es das Geschäft tatsächlich noch gibt: Es bildet bis heute einen jener ländlichen Nahversorger, wo man von Lebensmitteln bis zu Spielzeug und Schulsachen so ziemlich alles kaufen kann, was man so braucht und was eine gewisse Größe nicht überschreitet. Und wie ein Blick auf die Geschäfts-Homepage zeigt, befindet es sich immer noch im Besitz derselben Familie Grasmugg, deren Name so stolz an der alten Fassade prangt.

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Eine Antwort zu Wohn- und Geschäftshaus, Kirchbach in Steiermark (Steiermark)

  1. ceskaplacka schreibt:

    Podobné fasády si zaslouží pochválit za celkově citlivou péči a vlastníkům je třeba poděkovat. Zmíněna ale není aktuální úprava střechy, i když jde o technickou nutnost. Suprafenestry oken v krajních osách v patře mají trochu podivné detaily, nejspíše nějak při opravě aktualizované.

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