Linienwall, Wien III

Am Linienwall I

Dass die Wiener Ringstraße anstelle der alten Stadtmauer angelegt wurde, ist heute – zumindest in Wien – Allgemeinwissen. Schon etwas weniger bekannt ist hingegen, dass auch der Gürtel dem Verlauf einer ehemaligen Stadtbefestigung folgt, nämlich dem Linienwall. Dieser wurde am Beginn des 18. Jahrhunderts zum Schutz der Vorstädte errichtet und bestand bis 1894. Den Anlass zu seinem Bau gaben die drohenden Angriffe der Kuruzzen aus Ungarn. Aufgrund der akuten Gefahrensituation wurde die gesamte Wiener Bevölkerung zur Mithilfe bei den Schanzarbeiten verpflichtet, sodass der über 13 Kilometer lange Wall innerhalb kurzer Zeit, von Ende März bis Mitte Juli 1704, fertiggestellt werden konnte.

Diese äußere Befestigungslinie setzte am sogenannten Wiener Arm der Donau (dem heutigen Donaukanal) bei St. Marx an, umschloss in einem weiten Halbkreis die Vorstädte und endete in Lichtental, wiederum am Donaukanal. Wie bei modernen Wehrmauern üblich, verlief der Linienwall im Zickzack mit zahlreichen Vor- und Rücksprüngen. In seiner ursprünglichen Form war er tatsächlich nicht mehr als ein Erdwall, der lediglich mit Palisaden verstärkt war. Mit einer Höhe von fast vier Metern, ebenso großer Tiefe und zusätzlich noch einem vorgelagerten Graben bot er aber zumindest gegen die Kuruzzen ausreichenden Schutz: Diese konnten tatsächlich schon am 11. Juni 1704, also noch vor seiner Fertigstellung, bei einem Angriff am Linienwall zurückgeschlagen werden. Dennoch wurde der Wall etwas später, 1738, zur Verstärkung noch mit Ziegeln aufgemauert.

So präsentieren sich auch die wenigen Reste, die sich davon erhalten haben, heute im Wesentlichen als imposante Ziegelmauern: Ein kleines Stück besteht noch im Hof eines Privathauses in der Weyringergasse, ein etwas größeres ist am Landstraßer Gürtel zu sehen, dort, wo die Schnellbahn die Straße unterquert. Über der tiefgelegten Bahntrasse wird dort noch ein Teil der Böschung vom Mauerwerk des Linienwalls gestützt, auch wenn dieses so sehr mit Graffiti überzogen ist, dass seine Ziegel nur noch sehr eingeschränkt wahrnehmbar sind.

Das mit Abstand längste noch vorhandene Teilstück verläuft unterhalb der Stadtwildnis Erdberg zwischen Baumgasse und Anton-Kuh-Weg und kann über einen Spazierweg auch aus nächster Nähe besichtigt werden. Allerdings handelt es sich bei diesem Abschnitt quasi um einen Nachtrag, denn der ursprüngliche Linienwall lag an dieser Stelle rund hundert Meter weiter westlich. Als 1846–1848 der erste Großschlachthof in St. Marx errichtet wurde, musste die Befestigung jedoch ein Stück nach Osten versetzt werden, um dem Neubau Platz zu machen. Seine Verteidigungsfunktion hatte der Wall damals freilich ohnehin schon lage eingebüßt. Er diente im Grunde nur noch als Steuergrenze gegen die außerhalb gelegenen Vororte. Spätestens als diese 1892 eingemeindet wurden, hatte die alte Wehrmauer jedoch endgültig jeden Zweck verloren und wurde, wie eingangs erwähnt, bald darauf abgebrochen.

Zum Abschluss sei noch hinzugefügt, dass es neben den genannten auch noch andere Überreste des Linienwalls gibt – allerdings unterirdisch. Im Zuge von Grabungen ist die Wiener Stadtarchäologie in den letzten Jahrzehnten immer wieder auf Reste der alten Befestigung gestoßen. Zuletzt wurden erstaunlich umfangreiche und gut erhaltene Teile entdeckt, als der Kreuzungsbereich Landstraßer Hauptstraße/Landstraßer Gürtel neugestaltet wurde. Die Funde verschwanden zwar nach Abschluss der Bauarbeiten wieder unter der Erde, wurden jedoch ausführlich dokumentiert und fotografiert. Anschließend wurden sie in einer Publikation und im Rahmen einer Ausstellung auch der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausstellung war in den letzten Jahren schon in verschiedenen Wiener Bezirksmuseen zu sehen und läuft zurzeit im Bezirksmuseum Wieden – allerdings nur noch bis 13. April, bei Interesse also beeilen!


P.S.: Wie aus dem oben Gesagten offensichtlich sein dürfte, verlief der Linienwall durch eine große Zahl von Wiener Bezirken. Die Angabe Wien III in der Überschrift bezieht sich ausschließlich auf jene Teile, die noch erhalten und öffentlich zugänglich/sichtbar ist.

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