Linienkapelle am Tabor, Wien II

Am Linienwall II

Wenn vom Linienwall die Rede ist, dann können auch die Linienkapellen nicht unerwähnt bleiben: An den Toren der Befestigungslinie wurden nämlich nicht nur die sogenannten Linienämter zur Einhebung von Steuern und Abgaben errichtet, sondern auch Kapellen, die den Ein- und Ausgehenden Gelegenheit zu Andacht und Gebet boten. Im Wesentlichen zwischen 1740 und 1760 entstanden, waren diese kleinen Sakralbauten alle dem „Brückenheiligen“ Johannes Nepomuk von Prag geweiht, denn wie letztens schon erwähnt, war der Wall zusätzlich mit einem Graben gesichert, sodass die Tore nur über Zugbrücken zugänglich waren. Von diesen Barockkapellen sind heute nur noch zwei erhalten, jene an der Hundsturmer Linie in Margareten und jene an der Taborlinie in der Leopoldstadt. Letztere stand ursprünglich direkt auf der heutigen Taborstraße, an der Kreuzung zur Straße Am Tabor, wurde in den 1960er-Jahren aber aus verkehrstechnischen Gründen um einige Meter an den Straßenrand versetzt.

Während die Hundsturmer Kapelle fast ein kleines Kirchlein ist, mit einem prächtig freskierten Innenraum hinter massiven Holztüren, entspricht jene am Tabor viel eher dem, was man sich gemeinhin unter einer Wegkapelle vorstellt. Es handelt sich um einen einfachen rechteckigen, fast quadratischen Bau mit Glockendach. Wie bei einem Wartehäuschen ist die Frontseite so gut wie vollständig geöffnet und gibt den Blick auf die Statue des Hl. Johannes Nepomuk, die im Inneren aufgestellt ist, frei. Auch der Baudekor bleibt in verhältnismäßig bescheidenem Rahmen und beschränkt sich ganz auf die Vorderseite: An den Ecken rahmen Pilaster mit ionischen Kapitellen die Öffnung, von deren bogenförmigem oberen Abschluss hängt eine skulpierte Girlande, in der Mitte des Architravs prangt eine Kartusche mit einer Gruppe plastischer Engelsköpfe.

Links und rechts von den Engelchen ist eine lateinische Inschrift in den Architrav graviert. Sie lautet: TABORINVS AVGVSTO SIT HOC EXOMINE DECOR, was man etwa als „Dieses heilige Wahrzeichen sei dem Tabor zur Zier“ übersetzen kann.* An der Inschrift fällt auf, dass bestimmte Buchstaben größer geschrieben sind als die übrigen, nämlich jene, die zugleich römische Zahlzeichen sind. Diese Schreibweise war bei sogenannten Chronogrammen üblich, einer in der Frühen Neuzeit beliebten gelehrten Spielerei, die es erlaubte, in einer Inschrift das Baujahr anzugeben, ohne es explizit zu nennen. Man muss dabei nur die im Text hervorgehobenen römischen Zahlen zusammenzählen, und die Summe ergibt dann die gesuchte Jahreszahl. Im konkreten Fall lautet diese Addition: I+V+V+V+I+C+X+M+I+D+C oder, in den geläufigeren arabischen Ziffern geschrieben: 1+5+5+5+1+100+10+1000+1+500+100 = 1728. Tatsächlich ist die Errichtung der Kapelle in diesem Jahr auch durch einen Bericht im Wienerischen Diarium – der späteren Wiener Zeitung – vom 14. August 1728 belegt.

Das bedeutet nun freilich auch, dass die Johannes-Nepomuk-Kapelle am Tabor älter ist als die übrigen Linienkapellen. Aber in deren Reihe bildet sie ohnehin eine Ausnahme, weil sie als einzige gar nicht am Linienwall lag. Dieser erstreckte sich ja nur südwestlich des Donaukanals, die am anderen Ufer gelegene Leopoldstadt war jedoch nicht davon erfasst. Eine Befestigung dieser Vorstadt erübrigte sich nämlich, da sie an allen Seiten von den vielfach verzweigten Armen der Donau umschlossen und damit quasi auf natürlich Weise vor einer feindlichen Annäherung geschützt war. Nur von Floridsdorf her gab es eine befestigte, über mehrere Brücken geführte Straße durch die Aulandschaft, die am Tabor in die Stadt mündete. Dort gab es daher schon seit dem Spätmittelalter eine Befestigung, die den Zugang zur Stadt sicherte, sowie eine Mautstelle. Nach der Errichtung des Linienwalls wurde diese in das neue Grenzsystem einbezogen und ein neues Linienamtsgebäude zur Einhebung der fälligen Gebühren am Tabor errichtet. Im Kontext dieser Entwicklung ist auch die Entstehung der Kapelle an der nun als Taborlinie bezeichneten Örtlichkeit zu sehen. Dass auch sie dem Brückenheiligen Johannes Nepomuk geweiht wurde, machte durchaus Sinn, selbst wenn es hier weder Linienwall noch Liniengraben gab: Dort, wo sich heute die Straße Am Tabor befindet, verlief bis zur Donauregulierung des 19. Jahrhunderts einer der Flussarme, und der Zugang zum Tabor von Norden erfolgte über eine darüber führende Brücke. Dass der Heilige dem Volksglauben nach auch Schutz vor Überschwemmungen bot, war in der häufig von Hochwasser bedrohten Leopoldstadt noch ein zusätzlicher Bonus.


*) Übersetzung nach: Karl Janecek, Das Chronogramm an der ehemaligen Linienkapelle am Tabor, in: Wiener Geschichtsblätter 12 (1957), S. 68.

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