Haus zum Goldenen Pelikan, Wien XVI

Am Linienwall III

Das Weinhaus Sittl ist so etwas wie eine Wiener Institution. Seit 1914 besteht es an der Ecke NeulerchenfelderStraße/Lerchenfelder Gürtel. Der Namenszug an der Fassade stammt dem Anschein nach noch aus der Zwischenkriegszeit und stellt zusammen mit der altmodischen Inneneinrichtung die lange Geschichte des Hauses zur Schau. Dabei ist das Gebäude, in dem sich das Lokal befindet, noch um einiges älter: Es handelt sich um ein langgestrecktes zweigeschossiges Vorstadthaus aus dem letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. Um die Fenster des oberen Stockwerks zeigt es den für jene Zeit so typischen Plattendekor, an der Ecke prangt auf einer Konsole noch das alte Hauszeichen, ein Pelikan mit seinen Jungen. Direkt darunter verrät eine Inschrift den daraus abgeleiteten ursprünglichen Namen des Hauses: Zum Goldenen Pelikan.

Zur Zeit seiner Erbauung lag das Haus allerdings nicht am Gürtel, sondern am Linienwall, genauer gesagt direkt außerhalb desselben im Vorort Neulerchenfeld. Diese Präzisierung ist von entscheidender Bedeutung, denn wie schon in den letzten Beiträgen erwähnt, war der Linienwall nicht nur eine Wehranlage, sondern auch eine Steuergrenze. Wer bestimmte Güter von außerhalb nach Wien bringen wollte, musste an der Linie eine Einfuhrsteuer entrichten. Das hatte zur Folge, dass etwa Lebensmittel in den Vororten außerhalb des Walls billiger waren als in den innerhalb gelegenen Vorstädten. Und das wiederum hatte zur Folge, dass sich unmittelbar außerhalb des Linienwalls unzählige Gastwirtschaften etablierten. Schließlich waren sie hier für die städtische Klientel noch bequem erreichbar, konnten Speisen und vor allem Getränke aber deutlich günstiger anbieten als die Konkurrenz innerhalb der Mauer. Besonders tat sich in dieser Hinsicht der Weinort Neulerchenfeld hervor, der erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstanden war. Nach der Errichtung des Linienwalls erlebte er innerhalb weniger Jahrzehnte einen raschen Aufschwung.

Das Gastgewerbe blühte in Neulerchenfeld so sehr, dass der Ort um 1800 als „das größte Wirtshaus des heiligen römischen Reiches“ bezeichnet werden konnte. Dieses oft wiederholte Bonmot stammt aus den Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden um Wien des zeitgenössischen Lokalhistorikers Franz de Paula Gaheis. Es wird zwar häufig zitiert, in der Regel jedoch ohne weiteren Kontext. Ich finde aber, es lohnt sich, de Paula Gaheis’ Beschreibung von Neulerchenfeld im Jahr 1803 ausführlicher wiederzugeben, umso mehr, als darin tatsächlich auch das Haus zum goldenen Pelikan Erwähnung findet. Er schreibt:

Wer sich einen angemessenen Begriff von diesem Orte machen will, der muß ihn an einem schönen Sommersonntage Nachmittags besuchen. Zu dieser Zeit drängt sich gewöhnlich eine Fluth von Menschen zum Lerchenfelder-Linienthore hinaus. Sie bestehen größten Theils aus Handwerkern und Fabrikanten, mit welchen die nächsten Vorstädte gleichsam übersäet sind. Um ihren durch sechs Tage ermüdeten Körper am siebenten, Theils durch Ortsveränderung, Theils durch stärkende Getränke, die freylich bey vielen wegen des übermäßigen Genußes nichts weniger, als stärkend wirken, zu fernerer Anstrengung neue Kräfte zu geben, suchen sie diese Vorstadt außer den Vorstädten auf. (…)

Der stärkste Nahrungszweig der Bewohner dieses Dorfes besteht (…) im Wein- oder Bierschanke. Unter den 155 Häusern des Dorfes haben 78 das Recht, entweder Wein oder Bier zu schenken. Dazu kommt noch, daß alle Jahre 5 Hauer nach einer Verordnung Josephs II. ihren, auf eigenen Grundstücken erzeugten Wein auszuschenken berechtigt sind. Also gibt es hier 83 (sage drey und achzig) Schenkhäuser, von welchen viele außer zwey oder drey Gastzimmern zu ebener Erde eben so viele im ersten Stockwerke haben, und noch überdieß mit niedlichen Gärten versehen sind. Im Verhältnisse mit der übrigen Häuserzahl kann man Neulerchenfeld mit Recht das größte Wirtshaus des heil. röm. Reiches nennen, worin an einem einzigen schönen Sonntage jederzeit bey 16000 Menschen sich Erhohlungen suchen.Von einem eifrigen und alten Verehrer des Weingottes, der mir von ungefähr aufstieß, ließ ich mir Einiges aus dem häuslichen Leben der Ortsbewohner erzählen, und da er wahrnahm, daß ich seinen Worten einige Aufmerksamkeit schenkte, ließ er mich nicht mehr aus dem Gebiethe seiner geschwätzigen Zunge. Ich mußte mich, wie Horaz, von ihm ohne Ausflucht geduldig durch die 3 Gassen, aus welchen Lerchenfeld besteht, führen, und mir mit dem einem solchen Verehrer eigenen Enthusiasmus alle die (Zeiger und) Schilde, wodurch sich die Gasthäuser unterscheiden, der Reihe nach vorführen lassen.

Bei der unteren oder Feldgasse wurde der Anfang gemacht. Mit der Miene eines Mannes, der mir die größte Seltenheit der Welt zu zeigen hätte, machte er mich auf Nro. 1 aufmerksam.

„Hier“, rief er aus, „ist die erste unserer heiligen Hallen. Sie führt den Schild zum goldenen Pelikan.“ Hier nannte er mir mit diplomatischer Umständlichkeit die Nahmen aller Besitzer dieser Schenke, das Jahr ihrer Entstehung, die verschiedene Güte, und den Preis des Getränkes zu allen Zeiten, und was er sonst noch für merkwürdig hielt. So machte er es auch bey den folgenden Nummern. Allein zu seiner nicht geringen Bestürzung (wenn er doch je diese Zeilen zu Gesichte bekommen sollte) muß ich frey bekennen, daß ich das Meiste von seinen Randglossen überhört habe. Er fuhr fort:

„Nro. 2 – heißt es zur Hoffnung; 3 – zum Lauf ins Feld; 4 – zum Fassel (Fäßchen); 5 – zur goldenen Anten (Aente); 6 – zum Grundstein; 8 – zum goldenen Kegel; 9 – zum schwarzen Mohren.“ Ich fragte ihn: ob er auch weiße Mohren kenne. Er fand die Frage sonderbar, weil er doch selbst in der Stadt schon ähnliche Aufschriften gesehen habe. Indeß ließ er sich hierdurch weiter gar nicht unterbrechen, sondern ging und erzählte fort: „Nro 10 – zum goldenen Engel; 11 – zum wilden Mann; 12 – zum rothen Säbel; 13 – zum grünen Baum; 14- zum schwarzen Bock; 15 – zur rothen Bretzen (zum rothen Bretzel); 18 – zum weißen Lambel (Lamm); 19 – zur (zum) weißen Schwan; 20 – zum rothen Kreuz; 21 – zum Bierwagen; 22 – zum rothen Stiefel; 23 – zu Maria Treu; 24 – zum schwarzen Rößl (Pferde); 26 – zun (zu den) drey Herzen; 28 – zur Flucht nach Aegypten; 30 – zum gelben Kreuz; 33 – zun (zu den) sieben Churfürsten; 25 – zu Maria Trost.“

[Franz de Paula Gaheis, Wanderungen und Spazierfahrten in die Gegenden um Wien, Siebentes Bändchen. Zweyte, vermehrte Auflage, Wien 1804, S. 87-99.]

Ich breche die Schilderung hier ab – der arme Franz de Paula Gaheis hingegen wird von seinem geschwätzigen Führer auch noch durch die übrigen Gassen des Ortes geschleppt und mit jeder Menge weiterer Wirtshausschilder konfrontiert. Da gibt es Häuser zum blauen Hechten, zum blauen Stiefel, zur blauen Flaschen, zum weißen Ochsen, zum schwarzen Ochsen, zum goldenen Ochsen, zum goldenen Hackel, zu den drey Hacken, zu den drey Bindern, zum Blumenstöckel und zum Strobelkopf, um nur eine kleine Auswahl zu geben. So gut wie nichts ist heute von alledem übrig. Das Ende des Linienwalls brachte das Ende der Wirtshäuser, der Bauboom der Ringstraßenzeit überzog die Gegend mit riesigen Zinshäusern. Von den alten, niedrigen Vorstadthäusern hat nur eine kleine Handvoll die Zeiten überdauert, und unter diesen ist das Haus zum Goldenen Pelikan das einzige, das auch heute noch als Gastwirtschaft betrieben wird. Ein lebendes Fossil gewissermaßen, aber gerade deshalb sehens- und besuchenswert.

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