Heiliggrabkapelle, Linz-St. Margarethen (Oberösterreich)

Ganz gleich, ob man selber in irgendeiner Form religiös ist oder nicht, muss man anerkennen, dass die christliche, vor allem die katholische Religion Österreich in den letzten rund tausend Jahren kulturell stark geprägt hat. Das manifestiert sich auch in den Baudenkmälern des Landes, von den Kirchen, Klöstern und Kapellen bis hin zu Marterln, Wegkreuzen und Kreuzwegen. Letztere findet man an zahlreichen Orten, meist auf einem Hügel oder Berghang angelegt, wo sie anhand von bebilderten Stationen den Leidensweg Christi von Jerusalem auf den Golgotha-Hügel nachstellen. Die Idee, den Kreuzweg „zu Hause“ nachzubauen, um ihn auf eigenen Beinen nachzugehen und damit gleichsam am eigenen Körper nachzuvollziehen, entstammt der Frömmigkeitspraxis des Spätmittelalters. Die größte Verbreitung, zumal in ländlichem Kontext, fand diese spezifische Form der Andachtsarchitektur dann im Zuge der Gegenreformation.

Besonders deutlich wird dieser Bezug am Kalvarienberg im Linzer Vorort St. Margarethen, denn dieser entstand zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf Initiative der Linzer Jesuiten. Bekanntlich waren die Jesuiten so etwas wie die Elitetruppe des Papstes bei der Durchsetzung der Gegenreformation. Im Jahr 1600 wurden sie auch ins damals weitgehend protestantische Linz berufen, um dessen Einwohner wieder zum „rechten“ (sprich: vom Kaiser gewünschten) katholischen Glauben zurückzuführen. Teil dieser Bemühungen war die Etablierung einer Wallfahrt nach St. Margarethen, wo schon seit dem Mittelalter eine Klause und eine Kapelle bestanden. 1608 richteten die Jesuiten dort einen ersten Kreuzweg auf einer steil am Donauufer aufragenden Anhöhe ein. Ab 1651 wurde dieser schließlich in eine feste Form gebracht: Es entstanden zunächst sieben Kreuzwegstationen, denen bald noch weitere folgten, ein Weg wurde aus dem Fels gehauen, als oberer Abschluss wurde eine Kalvarienbergkirche errichtet, an der anderen Seite des Hanges die sogenannte Maria-Thal-Kapelle mitsamt einem Bethaus für die Pilger. In ihren Grundzügen war die Anlage 1658 abgeschlossen, auch wenn sie später noch öfter erneuert und erweitert wurde.

Die erste maßgebliche Ergänzung erfolgte bereits 1659: Damals stifteten der Linzer Bürgermeister Ludwig Preller und seine Frau Anna Apollonia, geb. Eckhart, eine Heiliggrabkapelle, die in die Reihe der Kreuzwegstationen integriert wurde. Es handelt sich dabei um einen originalgetreuen Nachbau der Ädikula über dem Grab Christi in der Grabeskirche zu Jerusalem. Wie die Kreuzwegstationen waren auch solche Kopien der Grabkapelle schon im Mittelalter bekannt, kamen aber zurzeit von Barock und Gegenreformation besonders in Mode. Man findet sie sowohl als selbständige Bauwerke als auch, wie hier, als Bestandteile von Kalvarienbergen.

In den Details konnten solche Nachbauten durchaus variieren, doch gibt es einige Merkmale, die auf keinen Fall fehlen durften, um die Wiedererkennbarkeit zu garantieren. Dazu zählt zum einen der polygonal gebrochene Chor, um den von Säulen getragene Blendarkaden gelegt sind; zum anderen der Dachaufsatz in Form eines offenen, baldachinartigen Türmchens. Dieses ist ebenfalls polygonal und wird von schlanken Säulchen getragen. In St. Margarethen ist es aus Holz errichtet, sein oberer Abschluss mit Blech verkleidet. Eine Materialwahl, die wohl eher von praktischen als von repräsentativen Überlegungen bestimmt war. Dank der einheitlichen weißen Bemalung geht der Aufbau aber zumindest aus der Ferne betrachtet als durchaus überzeugendes Stein-Imitat durch.

Die Treue gegenüber dem Original ist jedoch nicht auf die Architektur beschränkt: Im Vorraum der Kapelle öffnet sich in einer Nische eine von zwei Engelsfiguren bewachte „Grabeshöhle“, in der man bei genauem Hinsehen eine liegende Christusfigur erkennen kann. So wird den frommen Betrachtern ein Höchstmaß an Authentizität suggeriert. Da die Christusfigur erst aus dem 19. Jahrhundert stammt, belegt sie im Übrigen auch die kontinuierliche Nutzung und Erneuerung des Kalvarienbergs und unterstreicht seine langanhaltende Bedeutung als Andachtsort für die Linzer Bevölkerung. Die Schönheit der umgebenden Landschaft und der herrliche Blick über die Donau, der sich hier bietet, machten und machen ihn freilich auch zu einem lohnenswerten Ziel für Ausflügler und Wanderer von gänzlich weltlicher Gesinnung…

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