Getäfelte Stube aus dem Ansitz Thierburg, Fritzens / Tiroler Volkskunstmuseum, Innsbruck (Tirol)

Unter dem Schlagwort #perlenfischen hat der Infopoint Museen und Schlösser in Bayern eine Blogparade ins Leben gerufen, in der Kultur- und andere Blogger aufgefordert sind, ihre ganz persönlichen „Museumsperlen“ vorzustellen. Nun schreibe ich hier in der Regel zwar nicht über Museumsobjekte, sondern über Baudenkmäler (im weitesten Sinn), aber manchmal gibt es gottseidank Überlappungen zwischen den beiden Kategorien. So musste ich beim Aufruf zur Blogparade sofort an eines meiner Lieblingsmuseen denken, nämlich an das Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck. Dessen umfangreiche Sammlung bietet ein breites Spektrum, von einfachen traditionellen Alltagsgegenständen bis zu hochrangigem Kunsthandwerk. Seit der Neuaufstellung vor einigen Jahren ist sie auch auf eine ansprechende, moderne Weise präsentiert, die für mich zum Gelungensten gehört, was die österreichische Museumslandschaft zurzeit zu bieten hat.

Zu den Höhepunkten des Museums zählt die große Sammlung historischer getäfelter Stuben, von denen eine ganze Reihe in den Ausstellungsräumen wiederaufgebaut wurden und auch betreten werden können. Bei den Wörtern „Stuben“ und „Tirol“ denken viele wohl unwillkürlich an alte Bauernstuben. Tatsächlich aber stammt der größte Teil der Sammlung aus herrschaftlichem Kontext: Burgen, Ansitzen oder Gerichtshäusern. Das wird auch in der hochwertigen, meist geschnitzten Dekoration der Täfelungen deutlich: Sie präsentieren sich in den jeweils aktuellsten architektonischen Formen ihrer Entstehungszeit. So bietet ein Gang durch diese Stubensammlung einen mehr oder weniger lückenlosen Überblick der Architekturgeschichte vom Spätmittelalter über die Renaissance bis zum Barock.

Ich will hier im Detail nur eine der Stuben herausgreifen, die ich nicht nur ästhetisch höchst ansprechend finde, sondern die auch kunsthistorisch von großem Interesse ist. Sie befindet sich seit dem frühen 20. Jahrhundert im Museum, stammt aber eigentlich aus dem Ansitz Thierburg bei Fritzens, rund zwanzig Kilometer östlich von Innsbruck. Dieser Ansitz wurde um 1480 von Peter Ruml von Lichtenau, seines Zeichens Rat und Kammerpräsident von Maximilian I., erbaut. Zwei Generationen später befand er sich im Besitz von Rumls Enkeltochter Anna Hölzl, die sich im Februar 1531 mit Wolfgang Voland vermählte. Unmittelbar darauf dürfte die Täfelung der Stube entstanden sein, denn sie trägt die Jahreszahl 1531 und das Wappen Volands.

Die Datierung überrascht ein wenig, denn die Stube zeigt die in Östereich damals neuen, aus Italien übernommenen Renaissanceformen in einer Reinheit, wie man sie hierzulande vor 1535 nur selten findet. Die meisten der einschlägigen Beispiele lassen sich dem Umfeld Erzherzog Ferdinands I. zuweisen. Das gilt nun eben auch für die Stube aus der Thierburg, denn Wolfgang Voland war Sekretär und Kämmerer von Ferdinands Frau, Anna von Böhmen und Ungarn.

Das Getäfel reflektiert unmittelbar den ganz an Italien orientierten Geschmack an Ferdinands Hof. Es besticht durch seinen klaren Aufbau und die schön ausgeführten Details in der Formensprache der Renaissance. Den unteren Teil der Stubenwände nimmt eine elegante Pilasterreihe mit antikisierenden Kompositkapitellen ein. Darüber folgt, über einem Architrav, eine zweite Reihe kleinerer Pilaster mit dorischen Kapitellen. Den oberen Raumabschluss bildet eine Kassettendecke.

Ganz lupenrein ist die Übernahme des Renaissancevokabulars hier dann aber doch nicht. Nach den strengen Regeln der klassischen Architektur müsste nämlich die prächtigere Kompositordnung über der dorischen Anwendung finden und nicht darunter. Es mag sein, dass sich diese Feinheiten der Architekturtheorie damals noch nicht bis Tirol herumgesprochen hatten, es mag aber auch sein, dass man sie bewusst ignorierte, um die hübschen Kompositkapitelle näher an das Auge des Betrachters zu rücken. Die heutigen Besucherinnen und Besucher profitieren jedenfalls von diesem kleinen Regelverstoß, und man müsste schon ein besonders pedantischer wiedergeborener Renaissance-Architekt sein, um sich dadurch die Freude an dieser „Museumsperle“ trüben zu lassen.

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3 Antworten zu Getäfelte Stube aus dem Ansitz Thierburg, Fritzens / Tiroler Volkskunstmuseum, Innsbruck (Tirol)

  1. Pingback: Blogparade #perlenfischen - fischt mit uns nach den schönsten Museumsperlen! - Museumsperlen

  2. Infopoint schreibt:

    Herzlichen Dank für diese wunderbare Museumsperle! Da bekommt man richtig Lust, mal wieder nach Tirol zu fahren und sich von historischer Innenarchitektur verzaubern zu lassen :)

    • c. n. opitz schreibt:

      Danke. Ja, ich habe beim Schreiben auch selber Lust bekommen, wieder mal nach Innsbruck zu fahren, aber von Wien ist das ja leider noch ein gutes Stück weiter als von Bayern…

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