Ehm. DDSG-Agentie, Wilhering (Oberösterreich)

Noch einmal Wilhering, aber wieder nicht das berühmte Stift: Statt in die Zeit des Barock geht es heute in die Belle Époque, als der Ort ein populäres Ausflugsziel des Linzer Bürgertums war. Besonders an Sonntagen wanderten die Damen und Herren aus der Stadt gerne durch den Kürnberger Wald ins nur wenige Kilometer entfernte Wilhering, um dann am Abend bequem mit dem Dampfboot auf der Donau wieder heimzufahren. Die ganz Bequemen legten allerdings auch den Hinweg schon per Schiff zurück, und an Feiertagen in der warmen Jahreszeit wurden eigene „Lustfahrten“ mit Sonderdampfbooten organisiert. Ermöglicht wurde dieses moderne Ausflugswesen durch die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft, kurz DDSG, die 1830 den Betrieb aufgenommen hatte.

Heute erinnert daran in Wilhering nur mehr das alte Gebäude der 1970 aufgelassenen DDSG-Station (bzw. Agentie, wie es im Fachjargon heißt). Das fast direkt am Flussufer gelegene Bauwerk wurde auf L-förmigem Grundriss als Holz- und Fachwerkkonstruktion errichtet. Allerdings ruht diese auf einem gemauerten Unterbau, der gerade im feuchten, oft genug wohl auch überschwemmten Uferbereich sicher eine Notwendigkeit darstellte. Er ist an beiden Enden durch Treppen erschlossen.

Den längeren Arm des Gebäudes nimmt der Wartebereich für die Passagiere ein. Er ist an der zum Fluss gelegenen Seite veranda-artig geöffnet. Hier ist auch, zwischen einfachen, geometrischen Ornamenten, mehrmals der Schriftzug „DDSG“ wie mit der Laubsäge aus dem oberen Teil der Holzverkleidung geschnitten. Der kürzere Arm hingegen ist kompakter und geschlossener. Er enthält den Kassenbereich mit dem noch erhaltenen Schalterfenster sowie weitere Diensträumlichkeiten für die Beamten.

Obwohl es in Wilhering schon länger eine DDSG-Agentie gab, dürfte das Gebäude in seiner jetzigen Form wohl erst vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammen. Zwar handelt es sich im Grunde um klassische „Sommerfrischearchitektur“, wie man sie schon aus dem 19. Jahrhundert kennt, doch zeigen einige der Details bereits die damals neuen Formen des Jugendstils, wie man sie bei solchen (halb-) öffentlichen Bauaufgaben in der Regel nicht vor 1900, eher sogar erst um 1910 findet. Vor allem aber das oben erwähnte, mehrmals angebrachte DDSG-Logo kann den Einfluss des Jugendstils nicht verleugnen: Die Schriftzeichen sind hier ganz in fließende ornamentale Formen aufgelöst, besonders das S und das G wären, außerhalb ihres Kontextes betrachtet, kaum als Buchstaben erkennbar. Das S erinnert fast mehr an eine Donauwelle als an einen Teil des Alphabets, und die Art, wie das SG beinahe als seitenverkehrte Spiegelung des DD erscheint, lässt tatsächlich ein wenig an eine verschwommene Reflexion im Wasser denken. Ob derlei Assoziationen wirklich von den Entwerfern des Schriftzugs intendiert waren, muss natürlich dahingestellt bleiben. In Anbetracht von Funktion und Position des Gebäudes sind sie aber vielleicht gar nicht einmal so abwegig…

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