Bürgerhaus, Mureck (Steiermark)

Das Biedermeier gilt gemeinhin als eher langweilige Epoche, aber wenn man etwa Fassadenreliefs aus dieser Zeit bewusst betrachtet, erweisen sich diese oft genug als erfrischend eigenwillig (wenn auch manchmal unfreiwillig komisch). Ein schönes Beispiel dafür bietet das zweigeschossige Bürgerhaus am westlichen Ende des Hauptplatzes von Mureck. Das Gebäude stammt im Kern aus dem 17. Jahrhundert, die Fassade wurde jedoch um 1820 in den damals gängigen Formen erneuert. Im Erdgeschoß ist sie bis zum oberen Abschluss der Fenster gebändert; die Fenster selbst sind durch auffällige rundbogige Lünetten akzentuiert. Gleich darüber bildet ein Gesims die Abgrenzung zum Obergeschoß und trägt zugleich eine Pilasterreihe, die dasselbe rhythmisch gliedert. Die Pilaster verleihen der Fassade eine klassizistische Anmutung, auch wenn sich ihre Kapitelle bei näherem Hinsehen bloß als schlecht verstandenes Imitat klassischer Architektur erweisen und mit den etablierten antiken Säulenordnungen de facto wenig zu tun haben. So weit, so unspektakulär. Eine typische Biedermeierfassade eben, wenn auch im Detail vielleicht ein wenig, sagen wir, „unorthodox“ (um nicht das böse Wort „provinziell“ zu bemühen).

Auffällig wird es hingegen, wenn man seinen Blick dem zum Hauptplatz hin gelegenen Portal zuwendet. Dort nämlich prangt über dem Türsturz ein Stuckrelief, das zwei anspringende Widder zeigt. Die ausgesprochen plastisch und dynamisch gestalteten Tiere nehmen die ganze Breite eines Pilasterzwischenraums ein und erreichen damit eine beträchtliche Größe. Ich habe zwar nicht nachgemessen, aber mir scheint, auf die Größe echter Schafe fehlt, wenn überhaupt, nicht viel. Der wuchtige Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Widder an allen Seiten an die sie umgebenden Architekturelemente anstoßen und diese regelrecht zu sprengen scheinen.

Leider konnte ich keine Informationen darüber finden, was es mit diesen beiden Schafsböcken auf sich hat. Eine Vermutung will ich aber dennoch äußern. Das 1822 – also annähernd zur Entstehungszeit der Fassade – erschienene Historisch-topographische Lexicon von Steyermark listet für Mureck insgesamt 39 Gewerbetreibende auf, darunter nicht weniger als 13, die in der Ledererzeugung oder -verarbeitung tätig waren: 3 Sattler, 6 Lederer, 2 Kürschner und 2 Weißgerber. Vor allem die Weißgerber scheinen mir hier von Interesse zu sein, denn ihnen oblag die Bearbeitung der Ziegen- und Schafshäute. Sie wurden so sehr mit diesen Tieren assoziiert, dass etwa die alte Wiener Weißgerbervorstadt – heute Teil des 3. Bezirks – zwei anspringende Widder im Wappen führt. Ich halte es daher für durchaus plausibel, dass auch das Stuckrelief in Mureck mit diesem Handwerk in Beziehung steht und dass der damalige Hausbesitzer eben einer der im Ort ansässigen Weißgerber gewesen sein könnte. Aber natürlich ist das nicht mehr als Spekulation oder, etwas optimistischer formuliert, eine Arbeitshypothese. Um sie zu beweisen, müsste man sich die Mühe machen, durch archivalische Recherche die genaue Besitzergeschichte des Hauses aufzuarbeiten. Bis dahin muss man sich wohl weiter darauf beschränken, das ungewöhnliche Relief einfach nur mit einem gewissen Maß an Verwunderung zu bestaunen…

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