Alter Friedhof, Lienz (Tirol)

Das Schöne an Bauensembles, die über Jahrhunderte gewachsen sind, ist ja oft ihre Uneinheitlichkeit. Oder, vielleicht besser formuliert, ihr Variantenreichtum. Der Alte Friedhof in Lienz bildet da keine Ausnahme…

Die rund um die Pfarrkirche St. Andrä angelegte Friedhofsmauer entstand ursprünglich wohl noch im Spätmittelalter als Befestigungsanlage. Den wehrhaften Charakter hat sie jedoch längst verloren. Heute ist sie an der Innenseite durchgängig mit Arkaden und Wandnischen zur Aufnahme von Grabstätten ausgestattet. Je nachdem, auf welcher Seite der Kirche man sich befindet, bietet sich allerdings ein ganz unterschiedliches Bild. An der Südseite befindet sich eine zusammenhängende Reihe von spätgotischen und frühbarocken Kapellennischen. Die ältesten davon gehen auf das mittlere 16. Jahrhundert zurück. Einige dieser Grabkapellen sind innen, aber auch außen mit Malereien geschmückt, die zum Teil noch aus der Barockzeit stammen. So ergibt sich ein abwechslungsreicher, farbenprächtiger Eindruck.

Ganz anders die Nord- und Westseite. Hier wurde die damals baufällige Mauer in den Jahren 1828–1831 durch regelmäßige klassizistische Arkaden ersetzt. Als Architekt bzw. Baumeister ist ein gewisser Johann Franz Köck nachgewiesen. Nachdem der Friedhof 1905 aufgelassen worden war, wurden diese Arkaden 1924–1925 zu einem Kriegerdenkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen und Vermissten Osttirols umgestaltet. Entsprechend der jeweiligen Zahl der Toten wurden die insgesamt 30 Arkaden auf die 50 Gemeinden des Bezirks Lienz aufgeteilt. Den Gefallenen der Stadt Lienz selbst wurde dabei die anstelle des früheren Nordportals neu errichtete Gedächtniskapelle zugewiesen. Berühmt ist diese vor allem für die im Inneren angebrachten Wandmalereien von Albin Egger-Lienz, der auch in ihr begraben ist. Nach außen hingegen präsentiert sich der von Clemens Holzmeister entworfene Bau betont einfach und blockhaft. Auch dank des einheitlichen weißen Putzes fügt er sich geradezu unauffällig in die Reihe der klassizistischen Arkaden. Wüsste man nicht um die Baugeschichte, man würde glatt meinen, Kapelle und Arkaden wären gemeinsam errichtet worden. So betrachtet, ist die Anlage nicht zuletzt auch ein hervorragendes Beispiel für die Affinität der modernen Architektur zum Klassizismus (zumindest in seiner strengsten, einfachsten Form) – oder umgekehrt ein Beispiel für dessen oft erstaunliche Modernität.

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