Aufnahmegebäude, St. Aegyd am Neuwalde (Niederösterreich)

Am Bahnhof I

Es ist eigentlich kaum zu glauben: In wenigen Wochen wird dieser Blog schon fünf Jahre alt, und ich habe hier noch kein einziges Mal über einen Bahnhof geschrieben! Dabei gibt es in Österreich doch einen ausgesprochen großen und vielfältigen Bestand historischer Bahnhofsarchitektur, vor allem aus der zweiten Hälfte 19. Jahrhunderts. Dazu zählt auch die Station von St. Aegyd am Neuwalde, an der 1893 eröffneten Traisentalbahn gelegen. Diese war Teil eines größeren Ausbauprojekts, das die Westbahn mit der Südbahn verbinden sollte, aber nie fertiggestellt wurde: Die von St. Pölten über Lilienfeld ins Gebirge führende Strecke endet in Kernhof, nur eine Station nach St. Aegyd. Die projektierte Verlängerung nach Neuberg an der Mürz kam hingegen nicht über das Planungsstadium hinaus.

Was den Bahnhof von St. Aegyd aus bauhistorischer Sicht interessant macht, ist nicht zuletzt der Umstand, dass hier wirklich fast die gesamte Anlage mitsamt aller Nebengebäude – vom Lokschuppen bis zum Gütermagazin – erhalten ist. Drei dieser Bauten will ich daher heute und in den nächsten Tagen als kleine Serie vorstellen. Den Anfang macht das „Herzstück“ des Bahnhofs, das eigentliche Stationsgebäude (oder wie es im österreichischen Amtsdeutsch heißt: das Aufnahmegebäude).

Es handelt sich dabei um einen kompakten zweigeschossigen Bau mit einem leicht vortretenden, übergiebelten Mittelrisalit – eine Form, die hierzulande für Bahnhöfe des späten 19. Jahrhunderts typisch ist. Ungewöhnlicher (wenn auch keineswegs einzigartig) ist hingegen die Wahl des Materials: Während andere Stationsgebäude jener Zeit mit schön verputzten Fassaden und/oder holzverkleideten Giebelflächen aufwarten, zeigt sich jenes von St. Aegyd vom Fundament bis zur Dachtraufe ganz steinsichtig. Die aus großen, unregelmäßigen Natursteinen zusammengesetzten Wände erinnern ein wenig an mittelalterliche Burg- oder Stadtmauern. Vermutlich sollten sie aber vor allem eine urtümliche Wirkung hervorrufen, wie sie hier in der wildromantischen Alpenlandschaft als angemessen empfunden wurde.

Einen Materialwechsel gibt es nur bei der Veranda auf der den Gleisen zugewandten Seite: Sie besteht aus einer hölzernen Dachkonstruktion, die auf Stehern aus Eisen ruht. Unter ihrem breiten Dach konnten die Reisenden beim Warten auf den Zug Schutz vor allen Unannehmlichkeiten der Witterung finden. Heute befindet sich hier jedoch ein Gastgarten, denn der Personenverkehr auf der Linie wurde 2010 eingestellt. Anstelle von Warteraum und Fahrkartenschalter findet man im Stationsgebäude daher seit einigen Jahren eine nette Café-Konditorei namens Süßmeisterei Mahonie. Ein Besuch des alten Bahnhofs lohnt sich also nicht nur aus architekturhistorischem Interesse…

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