Gasthof zur steirischen Grenze, Terz (Steiermark)

Fährt man von St. Aegyd nicht mit der Bahn, sondern mit dem Auto weiter, auf der Gutensteiner Straße nach Westen, sagen wir Richtung Mariazell, dann kommt man bald an die niederösterreichisch-steirische Grenze. Dort fällt einem im Vorbeifahren vielleicht ein Gebäude auf, das wenige Meter hinter der Grenze direkt an der Straße liegt und das immer noch die Bezeichnung „stattlich“ verdient, auch wenn es bereits merkliche Verfallserscheinung zeigt. Den von Niederösterreich Kommenden hält es wie eine Werbetafel eine Giebelfassade entgegen: „Gasthof zur steierischen [sic] Grenze“ steht darauf in großen, verblassten Lettern.

„Ghost signs“ nennt man solche halb verschwundenen Geschäftsbeschriftungen im englischsprachigen Raum, wo es seit längerem schon gar nicht wenige Enthusiasten gibt, die Fotos davon sammeln und auf eigenen Websites oder in Facebook-Gruppen teilen. Erst in jüngster Zeit lässt sich ein verstärktes Interesse daran auch im deutschen Sprachraum feststellen. Ein fester Begriff hat sich m. W. noch nicht dafür durchgesetzt, doch sprechen viele, analog zum Englischen, von „Geisterschriften“.

Und in gewisser Weise sind es ja auch die Geister der Vergangenheit, die der Schriftzug an der alten Wirtshausfassade einem vor Augen führt. Denn wie Fotos aus der Zeit um 1900 belegen, existierte die Fassadenschrift schon damals in der heutigen Form – nur eben frischer und dunkler und lesbarer. Und während das Gebäude heute ungenutzt leer steht, herrscht auf den alten Bildern reges Treiben rund um den Gasthof: Man sieht auf ihnen Fuhrwerker, Reisende, aber auch Urlauber, denn es gab hier auch Fremdenzimmer. Auf den Fotos sieht man auch einen dekorativen Bogen aus Holz, der die Straße überspannte, um die Grenze zu markieren; diverse Nebengebäude, die den Gasthof ergänzten; nicht zuletzt eine schicke hölzerne Veranda, mit den für die damalige Sommerfrische-Architektur so charakteristischen Verzierungen im Stil von Laubsägearbeiten, die der Giebelfront vorgesetzt war. Auch das Gespenst dieser längst verschwundenen Veranda geistert übrigens heute noch über die Fassade: Ihre Trägerkonstruktion ist dem hellen Putz als rotbrauner Raster eingeprägt. So ist in den unscheinbaren Resten und Spuren doch irgendwie noch die Erinnerung an weit zurückliegende Glanzzeiten bewahrt.

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