Hotelfassade, Mariazell (Steiermark)

Mariazell ist zweifellos der bedeutendste Wallfahrtsort Österreichs, und das bereits seit Jahrhunderten. Mit dem Einsetzen des Alpintourismus im 19. Jahrhundert wurde es aber zunehmend auch zum Ziel durch und durch weltlich gesinnter Sommerfrischler und anderer Urlauber. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam dann auch noch der Wintertourismus dazu, zählte Mariazell doch zu den ersten Zentren des damals noch jungen alpinen Skisports. Es ist daher alles andere als verwunderlich, dass man vor allem im Ortskern rund um die Kirche zahlreiche Hotels, Pensionen und Restaurants findet, deren Fassaden auf die Zeit um 1900 zurückgehen.

Einige davon sind nicht zu übersehen, weil sie direkt am Hauptplatz liegen, andere jedoch sind etwas versteckter. Zu Letzteren zählt das Gebäude, um das es heute hier geht: Es liegt zwar fast unmittelbar hinter der berühmten Basilika, allerdings in einer so engen Gasse, dass man seine Jugendstilfassade im Vorbeigehen fast gar nicht wahrnimmt. Wenn ich die bauliche Situation richtig verstanden habe, handelt es sich um einen Zubau zum ehemaligen Hotel Zum goldenen Greifen, das seinerzeit so etwas wie das erste Haus am Platz war. Genauere Informationen zu dem Bauteil konnte ich bislang allerdings keine finden, d.h. ich kann in diesem Fall nur nach dem Augenschein gehen (und bin natürlich für Hinweise von Ortskundigen dankbar).

Die großen Fenster im Erdgeschoß verweisen jedenfalls eindeutig auf einen Speisesaal. Die Fassadendekoration suggeriert eine Entstehungszeit um 1900/1910. An der Fassade des Obergeschoßes begegnen Ornamente, wie sie für die damals gängige „geometrische“ Variante des Jugendstils typisch sind. Ähnliche Formen gibt es in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts etwa auch in niederösterreichischen Kleinstädten öfter. Die moderne Formensprache des Jugendstils ist im vorliegenden Fall jedoch nur oberflächlicher, austauschbarer Dekor. Die Grundstruktur bleibt hingegen durchwegs traditionell: Das Obergeschoß wird von einer Reihe flacher Pilaster gegliedert, die man genauso gut mit neobarocken oder klassizistischen Formen überziehen können hätte.

Aber spannender finde ich im Grunde ohnehin das Untergeschoß. Hier sind nämlich die Putzflächen neben und über den Fenstern von einer dichten Folge senkrechter Rillen durchzogen. Die Putzoberfläche selbst wird hier ganz zum Ornament. „Schnürlputz“ nannte man diese Art der Wandgestaltung damals in Wien. Man findet sie etwa auch an Friedrich Ohmanns Wienfluss-Portal (1903–1906) im Stadtpark.

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