Karner, Aflenz (Steiermark)

Der Kurort Aflenz liegt nicht allzu weit von Mariazell, und genauso wie der berühmte Wallfahrtsort war er im Mittelalter kirchenrechtlich dem Stift St. Lambrecht inkorporiert. Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass der unweit der Pfarrkirche stehende Karner von Aflenz große Ähnlichkeiten mit jenem in Mariazell aufweist. Auch hier handelt es sich um einen zweigeschossigen Bau auf achteckigem Grundriss, der aus der Spätgotik stammt und im Inneren von einem Sternrippengewölbe abgeschlossen wird. Die Spätgotik ist in diesem Fall wirklich spät: Die Weihe des kleinen Baus ist erst für 1517 überliefert, erfolgte also zu einer Zeit, als sich in Österreich bereits zögerlich, aber doch die hierzulande neuen Formen der italienischen Renaissance-Architektur auszubreiten begannen.

Bei allen Übereinstimmungen mit dem Mariazeller Karner gibt es allerdings auch recht deutliche Unterschiede. Da wäre etwa der Umstand, dass in Aflenz eigentlich nur das hohe Obergeschoß achteckig ausgeführt wurde, während das untere einen runden Grundriss aufweist. Diese Abweichung liegt einfach daran, dass hier im unteren Teil das Mauerwerk eines romanischen Vorgängerbaus wiederverwendet wurde – und tendenziell waren romanische Karner eben rund, spätgotische hingegen polygonal. (Betonung auf ‚tendenziell‘, es gibt natürlich auch Ausnahmen.)

Den offensichtlichsten Unterschied bildet jedoch die Gestaltung des Daches. Während jenes in Mariazell heute originalgetreu als steiles Pyramidendach nach mittelalterlicher Tradition rekonstruiert ist, wurde es in Aflenz zur Zeit des Barock vollständig erneuert. So wird der gotische Bau heute von einem barocken Glockendach bedeckt, das von einer hohen Laterne bekrönt ist. Die Laterne selbst wird wiederum oben durch eine zeittypische Zwiebelhaube abgeschlossen. Alles in allem ist dieser Dachaufbau genauso hoch wie das darunterliegende Gebäude an sich und wird so zum dominierenden Bauteil. Gerade im Vergleich mit Mariazell zeigt sich hier, wie sehr ein Dach den Gesamteindruck eines Gebäudes bestimmen kann.

Aber noch ein weiterer Faktor trägt dazu bei, dass die Wirkung der beiden Karner trotz aller Ähnlichkeiten in der Architektur eine jeweils völlig andere ist: ihre unterschiedliche bauliche Umgebung. In Mariazell befindet sich der Kapellenbau nur wenige Meter neben der großen Basilika und wird auch auf den übrigen Seiten hart von anderen Gebäuden bedrängt und überragt. In Aflenz dagegen steht er frei am Rande des Friedhofs und zeichnet sich klar gegen den weiten Himmel ab. Schon von Weitem sichtbar, entwickelt er eine fast ‚wahrzeichenhafte‘ Präsenz, die seinem Gegenstück in Mariazell durch die bauliche Umgebung verwehrt wird.

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