Turmhelm, Augustinerkirche, Wien I

Als ich vor mittlerweile mehr als fünf Jahren diesen Blog begann, tat ich das mit einem Bau des Biedermeier-Architekten Paul Sprenger (1798-1854). Daran anknüpfend, widmete ich dann den 100. Blog-Post ebenfalls einem seiner Werke. Der heutige Beitrag ist nun der 200., und auch dieses Jubiläum will ich in quasi altbewährter Weise mit einem Sprenger-Bau begehen…

Paul Sprenger ist in erster Linie als strenger, nüchterner Klassizist bekannt. In seinen späteren Werken kommt es aber doch zu einer gewissen Hinwendung zum romantischen Historismus, die sich in einer Reihe von neugotischen Entwürfen niederschlägt. Vor allem seine Projektvorschläge für eine Kaiser-Franz-Gedächtniskirche (1845) sowie für die Altlerchenfelder Pfarrkirche in Wien (1848) nehmen eine nicht unbedeutende Stellung in der Entwicklung der Neugotik in Österreich ein. Allerdings wurden beide – nicht zuletzt aus Kostengründen – nicht realisiert. Sehr wohl ausgeführt wurde jedoch Sprengers Entwurf für das realtiv kleine Projekt des Turmneubaus an der Wiener Augustinerkirche.

Die unweit der Hofburg gelegene Kirche wurde im 14. Jahrhundert von den Habsburgern gestiftet und in den damals gängigen gotischen Formen errichtet. Im 17. Jahrhundert folgte die fast unvermeidliche Barockisierung, in deren Zuge auch der 1602 erbaute Glockenturm mit einem neuen Obergeschoß und einer barocken Zwiebelhaube versehen wurde. Dieser Turmabschluss wurde im Oktoberaufstand von 1848 durch einen Brand so stark beschädigt, dass eine völlige Erneuerung vonnöten war.

Der 1852 vollendete Neubau erfolgte in gotischen Formen, im Einklang mit dem mittelalterlichen Gesamteindruck der Kirche. Denn auch der Innenraum war zwischenzeitlich, 1784/85, bereits wieder durch Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg regotisiert worden, sodass vom Barock kaum noch etwas übrig war.

Sprenger ersetzte den ehemals reich strukturierten und verzierten Barockturm durch einen schlichten, glattverputzten Aufbau. Der Turmschaft vermittelt genau jene Einfachheit und Strenge, die man mit Sprenger gemeinhin assoziiert. Vergleichsweise aufwändig ist hingegen die Bekrönung: Eine Maßwerkbrüstung schließt den Turm oben ab; aus ihr wachsen acht Fialen empor, wobei jene an den Ecken über die Kanten des Turmes herauskragen. Darüber erhebt sich ein spitzer, mit kleinteiligem Maßwerk durchbrochener Helm. Dabei handelt es sich um einen der ersten, vielleicht sogar den ersten Versuch in der österreichischen Architektur der Neugotik, einen durchbrochenen Turmhelm nach mittelalterlicher Manier zu realisieren.

Anders als im Mittelalter führte man diesen bekrönenden Aufsatz  jedoch nicht in Stein aus – sondern in Eisen! Das hatte vor allem statische Gründe, denn man traute der Stabilität des brandgeschädigten Turmunterbaus nicht recht und fürchtete, ein steinerner Helm würde zu schwer dafür sein. So entschied man sich also für eine Metallkonstruktion, bestehend aus gusseisernen Rippen, mit dazwischenliegenden Ornamentflächen aus Eisenbleich. In den Eisengusswerkstätten der Gloggnitzer Maschinenfabrik angefertigt, zeugt sie von der zunehmenden Bedeutung der Metallverarbeitung in der Architektur des 19. Jahrhunderts.

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