Mayr von Melnhof-Mausoleum, Adriach bei Frohnleiten (Steiermark)

Die Mayr von Melnhof’sche Familiengruft zählt zweifellos zu den schönsten und aufwändigsten Grabmonumenten der Ringstraßenzeit in Österreich. An einem vergleichsweise abgelegenen Ort errichtet, zeugt sie von der immensen Bedeutung, die der Schicht der Industriellen und bürgerlichen Großgrundbesitzer im späten 19. Jahrhundert zukam: Nicht nur in Stadtpalais und Landschlössern, auch in ihren prunkvollen Mausoleen manifestierten sie architektonisch den Anspruch, mit dem Adel gleichzuziehen bzw. diesen sogar zu übertrumpfen.

Im Fall der Familie Mayr von Melnhof bestand dieser Anspruch auch völlig zurecht: Der aus Leoben gebürtige Franz Mayr (1810–1889) war einer der bedeutendsten österreichischen Industriellen seiner Zeit und maßgeblich am Aufbau des Eisenwerks in Donawitz und der Gussstahlfabrik in Kapfenberg – den späteren Boehler-Werken – beteiligt. Für seine Verdienste erhielt er 1859 das Adelsprädikat „Edler von Melnhof“ verliehen, 1872 folgte die Erhebung in den Freiherrenstand. Sein Sohn und Erbe, Franz III. Mayr von Melnhof (1854–1893) folgte ganz in den Fußstapfen des Vaters: Er gründete 1888 eine Holzstoff- und Pappefabrik in Frohnleiten, die als Mayr-Melnhof Karton AG noch heute besteht. In Frohnleiten besaß die Familie auch umfangreichen Grundbesitz, und Franz III. residierte dort standesgemäß im Schloss Neu-Pfannberg.

Nach seinem frühen Tod wurde Franz III. auch in Frohnleiten begraben, genauer gesagt im Vorort Adriach, wo damals gerade ein neuer Friedhof für den expandierenden Marktort angelegt worden war. Das dafür nötige Grundstück hatte Mayr von Melnhof selbst der Gemeinde gestiftet. Dabei hatte er auch gleich den Bauplatz für das Familienmausoleum bestimmt, das dann aber erst nach seinem Tod zur Ausführung gelangte. Ob beim Tod von Franz III. im Jahr 1893 auch schon ein konkreter Entwurf für die Grabanlage vorlag oder ob dieser erst von seiner Witwe Mathilde, geb. Freiin von Tinti (1863–1927), in Auftrag gegeben wurde, konnte ich bislang leider nicht eindeutig feststellen.

Sicher ist, dass das 1898 vollendete Mausoleum von einem der führenden Architekten der Steiermark geplant wurde, nämlich von August Gunolt (1849–1932). Der Schüler Heinrichs von Ferstel übersiedelte 1876 von Wien nach Graz und brachte in den folgenden Jahren und Jahrzehnten viel vom Glanz der Wiener Ringstraße in die steirische Landeshauptstadt. Neben prominenten öffentlichen Aufträgen wie der Steiermärkischen Landesbibliothek und dem Landesmuseum Joanneum führte er dort auch viele Bauten für Adel und Großbürgertum aus. Auch Franz III. Mayr von Melnhof hatte Gunolt kurz vor seinem Tod noch mit zwei großen Projekten betraut: Zum einen plante er die Errichtung eines repräsentativen Stadtpalais in Graz, zum anderen wollte er das alte Schloss Neu-Pfannberg bei Frohnleiten durch einen höher gelegenen und dadurch hochwassersicheren Neubau ersetzen. Nach dem unerwarteten Ableben des Auftraggebers kamen beide Bauten jedoch nicht über das Planungsstadium hinaus. Mayr von Melnhofs Witwe Mathilde beauftragte Gunolt dafür 1894 mit dem Umbau eines kleineren, schon bestehenden Stadtpalais in der Grazer Elisabethstraße, der im darauffolgenden Jahr abgeschlossen war. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte auch der konkrete Auftrag für das Mausoleum erfolgt sein. Über seine Fertigstellung berichtet die Wiener Bauindustrie-Zeitung schließlich Anfang 1898.

Die prachtvolle Gruft liegt am oberen Rand des Friedhofs innerhalb einer eigens abgetrennten Abteilung. Die Grabanlage wird von einer zinnenbewehrte Mauer umfasst. Den Zugang bildet ein aufwändiger Portikus, der sich in drei großen Bögen öffnet. Wie das Mausoleum selbst ist dieser mit auffälligen glasierten Dachziegeln gedeckt.

Die Grabkapelle an sich befindet sich am hinteren Ende des ummauerten Bereichs und ist über flache Freitreppen erschlossen. Sie besteht im Kern aus einem einfachen Baukörper auf quadratischem Grundriss mit Pultdach. Wie beim Portikus sind die Mauern mit ockerfarbenen Tonfliesen aus den Wienerberger Ziegelwerken verkleidet, Ecken und Enden durch steinerne Rahmenelemente betont. Das Dach ist von einem hohen spitzen Dachreiter bekrönt; einem Aufbau aus Metall, der sogar mit einer Glocke ausgestattet ist. Dem Eingang dieser Kapelle ist eine niedrigere, steinsichtige Vorhalle vorgesetzt, die sich nach drei Seiten in runden Bögen öffnet. In die Brüstung ihrer Stirnseite ist eine wappenbekrönte Inschriftentafel eingelassen, die in rührenden Worten an den Verstorbenen erinnert. Im Giebelfeld dagegen prangt prominent eine Skulptur des gekreuzigten Christus, flankiert von reliefierten Engeln. Diese stammt vom Grazer Bildhauer Rudolf Vital, der auch an der Fassade des erwähnten Stadtpalais’ in Graz beteiligt war. Da Vital bereits im Jänner 1896 verstarb, müssen Planung und Ausführung des Mausoleums damals also schon weit fortgeschritten gewesen sein.

Mit dem spitzen Türmchen und den hohen Giebeln, mit dem reichen Skulpturenschmuck bis hin zu den monsterhaften Wasserspeiern macht das Mausoleum auf den ersten Blick einen neugotischen Eindruck. Bei genauerem Hinsehen erinnern Details wie die runden Bögen oder die Pseudo-Akanthus-Kapitelle an den Wandvorlagen aber mehr an die Architektur der Renaissance. Die schon kurz angesprochene zeitgenössische Würdigung in der Wiener Bauindustrie-Zeitung von 1898 liefert die Erklärung für diesen scheinbar widersprüchlichen Befund: „Diese Bauten sind in einer den modernen Stilbestrebungen Rechnung tragenden Weise durchgebildet, indem eine Verschmelzung mittelalterlicher und antiker Formen in der Art angestrebt wurde, dass die Hauptformen des Aufbaues und die constructive Anordnung den ersteren, die Durchbildung der architektonischen Details den letzteren entspricht.“ Es handelt sich also um eine für den Späthistorismus nicht untypische Fantasiearchitektur, die sich von der „Stilreinheit“ des „strengen Historismus“ losgesagt hat und im freien Umgang mit den Formen der Vergangenheit Neues erschafft.

 

 

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