Rotes Haus, Nenzing (Vorarlberg)

Nachdem es in den letzten zwei Beiträgen um Bauwerke ging, bei denen mir keine Informationen zu den jeweiligen Auftraggebern vorlagen, diesmal zur Abwechslung ein Objekt, dessen Besitzergeschichte sehr gut aufgearbeitet ist: Das Rote Haus in Nenzing wurde für einen wohlhabenden Chirurgen namens Johannes Latzer (gest. 1772) erbaut.*) Eine noch an der Fassade zu erkennende Jahreszahl wird meist als 1633 gelesen, muss aufgrund der Lebensdaten Latzers aber wohl korrekt 1733 lauten. Nach dem Tod des Bauherrn ging das Haus zunächst an seine Witwe, Maria Helena Hillbrand. Als auch diese 1788 verstarb, wurde es von ihren Nachlassverwaltern zum stolzen Preis von 1615 Gulden verkauft. Käufer war Gabriel Mayer aus dem benachbarten Beschling, der das eben erworbene Gebäude aber sogleich an seinen Bruder Christian weitergab. Letzterer betrieb in Nenzing das Gasthaus zum Rössle, von dem hier letztes Jahr schon die Rede war. Auch er behielt das Rote Haus aber nicht für sich, sondern übergab es seinem Sohn, Peter Mayer. In die Fußstapfen seines Vaters tretend, richtete dieser in seinem neuen Besitztum ein Gasthaus ein, das unter dem Namen „zum Hirschen“ über viele Jahrzehnte Bestand haben sollte.

Anders als das „Rössle“, dessen Fassade ganz von kleinen hölzernen Schindeln bedeckt ist, präsentiert sich das ehemalige Gasthaus zum Hirschen als geschlossen wirkender Blockbau auf einem niedrigen gemauerten Sockel. Die Balkenwände sind mit einem roten Anstrich versehen, von dem das Gebäude seinen heute gängigen Namen hat. Früher war diese Art der Färbung bei Holzbauten weiter verbreitet und unter der Bezeichnung Ochsenblut bekannt. Tatsächlich war Tierblut aus Kostengründen oft ein Hauptbestandteil solcher Farben, doch wurden auch ähnlich aussehende Anstriche auf Eisenoxidbasis mit dem Etikett Ochsenblut versehen. Von diesem charakteristischen Grundton heben sich am Roten Haus die weißen Fenster mit ihren blaugrün gestrichenen Läden sowie grüne Ziersimse ab und sorgen für eine willkommene optische Auflockerung.


*) Diese und die folgenden Informationen zur Besitzergeschichte nach: Elmar Schallert, Gasthäuser und Bürgerkultur im alten Nenzing, Feldkirch 2005, S. 24-26.

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Bürgerhaus, Mureck (Steiermark)

Bleiben wir noch am Hauptplatz von Mureck, der schon im vorigen Beitrag in den Blick genommen wurde. Der langgestreckte Platz weist eine geschlossene, einheitlich wirkende Verbauung auf: Abgesehen vom höheren Rathaus wird er von durchwegs zweigeschossigen, traufseitig zur Straße stehenden Bürgerhäusern mit meist drei oder vier Fensterachsen gesäumt. Auch wenn die meisten dieser Bauten im Kern aus der Frühen Neuzeit stammen, zeigen viele der Fassaden eine Gliederung des 19. Jahrhunderts, während andere so einfach und glatt verputzt sind, dass sie sich nur schwer einer bestimmten Epoche zuweisen lassen. In letztere Kategorie fällt auf den ersten Blick auch die heute blau getünchte Fassade gleich neben dem Rathaus. Bei näherem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass sie offensichtlich in der Zwischenkriegszeit erneuert wurde – der Dehio nennt als Entstehungszeit vage „um 1930“.

So schlicht die Fassade nämlich auch ist, so enthält sie doch einige Elemente, die für die 1920er- und 1930er-Jahre charakteristisch sind. Das auffälligste darunter ist sicherlich der Schriftzug Fürst – wohl der Name des damaligen Besitzers –, der in breiten metallenen Lettern über dem Portal angebracht ist. Die geraden, kräftigen Buchstaben kombinieren teils sehr dicke Striche mit einzelnen dünneren Elementen, wie z. B. den Armen beim F. Der so entstehende Kontrast verleiht der Schrift einen für die Zwischenkriegszeit typischen expressiven Charakter.

Auch das Portal selbst ist charakteristisch für die Epoche: Geradlinig und monumental, besteht es aus aufgerauten Steinquadern, die sich vom glatten Putz der umgebenden Wand abheben. Schließlich wäre auch noch auf die Fenstergitter im Erdgeschoß mit ihrem ausgeprägten Zackenmuster hinzuweisen. All das sind Formen, wie man sie eher an einem Wiener Gemeindebau erwarten würde als an einem Bürgerhaus am Hauptplatz einer steirischen Kleinstadt. Aber während eine solche Fassade in Wien wohl gar nicht weiter auffallen würden, setzt sie hier in Mureck unvermutet einen bemerkenswert modernen Akzent. Einen Akzent freilich, der letzten Endes doch dezent genug ist, um sich harmonisch ins historisch gewachsene Gesamtbild des Platzes einzufügen.

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Bürgerhaus, Mureck (Steiermark)

Das Biedermeier gilt gemeinhin als eher langweilige Epoche, aber wenn man etwa Fassadenreliefs aus dieser Zeit bewusst betrachtet, erweisen sich diese oft genug als erfrischend eigenwillig (wenn auch manchmal unfreiwillig komisch). Ein schönes Beispiel dafür bietet das zweigeschossige Bürgerhaus am westlichen Ende des Hauptplatzes von Mureck. Das Gebäude stammt im Kern aus dem 17. Jahrhundert, die Fassade wurde jedoch um 1820 in den damals gängigen Formen erneuert. Im Erdgeschoß ist sie bis zum oberen Abschluss der Fenster gebändert; die Fenster selbst sind durch auffällige rundbogige Lünetten akzentuiert. Gleich darüber bildet ein Gesims die Abgrenzung zum Obergeschoß und trägt zugleich eine Pilasterreihe, die dasselbe rhythmisch gliedert. Die Pilaster verleihen der Fassade eine klassizistische Anmutung, auch wenn sich ihre Kapitelle bei näherem Hinsehen bloß als schlecht verstandenes Imitat klassischer Architektur erweisen und mit den etablierten antiken Säulenordnungen de facto wenig zu tun haben. So weit, so unspektakulär. Eine typische Biedermeierfassade eben, wenn auch im Detail vielleicht ein wenig, sagen wir, „unorthodox“ (um nicht das böse Wort „provinziell“ zu bemühen).

Auffällig wird es hingegen, wenn man seinen Blick dem zum Hauptplatz hin gelegenen Portal zuwendet. Dort nämlich prangt über dem Türsturz ein Stuckrelief, das zwei anspringende Widder zeigt. Die ausgesprochen plastisch und dynamisch gestalteten Tiere nehmen die ganze Breite eines Pilasterzwischenraums ein und erreichen damit eine beträchtliche Größe. Ich habe zwar nicht nachgemessen, aber mir scheint, auf die Größe echter Schafe fehlt, wenn überhaupt, nicht viel. Der wuchtige Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass die Widder an allen Seiten an die sie umgebenden Architekturelemente anstoßen und diese regelrecht zu sprengen scheinen.

Leider konnte ich keine Informationen darüber finden, was es mit diesen beiden Schafsböcken auf sich hat. Eine Vermutung will ich aber dennoch äußern. Das 1822 – also annähernd zur Entstehungszeit der Fassade – erschienene Historisch-topographische Lexicon von Steyermark listet für Mureck insgesamt 39 Gewerbetreibende auf, darunter nicht weniger als 13, die in der Ledererzeugung oder -verarbeitung tätig waren: 3 Sattler, 6 Lederer, 2 Kürschner und 2 Weißgerber. Vor allem die Weißgerber scheinen mir hier von Interesse zu sein, denn ihnen oblag die Bearbeitung der Ziegen- und Schafshäute. Sie wurden so sehr mit diesen Tieren assoziiert, dass etwa die alte Wiener Weißgerbervorstadt – heute Teil des 3. Bezirks – zwei anspringende Widder im Wappen führt. Ich halte es daher für durchaus plausibel, dass auch das Stuckrelief in Mureck mit diesem Handwerk in Beziehung steht und dass der damalige Hausbesitzer eben einer der im Ort ansässigen Weißgerber gewesen sein könnte. Aber natürlich ist das nicht mehr als Spekulation oder, etwas optimistischer formuliert, eine Arbeitshypothese. Um sie zu beweisen, müsste man sich die Mühe machen, durch archivalische Recherche die genaue Besitzergeschichte des Hauses aufzuarbeiten. Bis dahin muss man sich wohl weiter darauf beschränken, das ungewöhnliche Relief einfach nur mit einem gewissen Maß an Verwunderung zu bestaunen…

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