Öffentliche WC-Anlage, Bad Hall (Oberösterreich)

In Anbetracht der derzeitigen Wetterlage bietet es sich an, sich möglichst an schattigen Plätzen aufzuhalten, also begeben wir uns heute in den Kurpark von Bad Hall. Dort steht am Wegrand unter Bäumen diese auf den ersten Blick idyllisch anmutende Kleinarchitektur, die freilich einem sehr prosaischen Zweck diente: Es handelt sich um eine öffentliche WC-Anlage. Entworfen wurde sie vom Otto Wagner-Schüler Mauriz Balzarek (1872–1945), der seit 1902 in Linz tätig war und als der bedeutendste Jugendstil-Architekt Oberösterreichs gilt. In erster Linie ist sein Name aber mit Bad Hall verbunden: Mit einer Vielzahl öffentlicher und privater Bauten drückte er dem architektonischen Erscheinungsbild des aufstrebenden Kurorts ab 1907 seinen Stempel auf wie kein anderer. Über sein Hauptwerk in Bad Hall, die 1913 begonnene Landesvilla, habe ich vor einiger Zeit schon einen Beitrag geschrieben. Bereits fünf Jahre vor der Landesvilla entstand hingegen das Toilettenhäuschen im Kurpark. 1908 errichtet, zählt es zu Balzareks frühesten Bauten in Bad Hall.

Öffentliche Bedürfnisanstalten stellten in der Zeit um 1900 eine neue Aufgabe für Stadtplaner und Architekten dar und wurden vor allem in den Städten in großer Zahl errichtet. Die entsprechenden Baulichkeiten wurden oft von Sanitärfirmen gleich fertig geliefert. Zumeist handelte es sich um schachtelförmige Häuschen mit relativ flachem Dach, die entweder in Holz oder Metall ausgeführt waren und durchaus auch mit dezentem Jugendstildekor versehen sein konnten. Eine ganze Reihe solcher WC-Häuschen ist ja etwa noch in Wien erhalten.

Balzarek variierte diesen gängigen Typus in Bad Hall, indem er ihm ein hohes Walmdach aufsetzte und die Wände an die gleichzeitig von ihm geplanten Badeanlagen im Ort anglich: Sie wurden in Fachwerkbauweise errichtet, die Füllflächen zwischen den Holzträgern mit einem rauen Kalkanstrich verputzt. Der so entstehende leicht rustikale Gesamteindruck wird durch ein kurioses Detail an den Eingängen noch bewusst verstärkt. Die Türstürze werden von zwei vorkragenden Balken getragen, deren geschnitzte Enden geometrisch abstrahierte Tierköpfe darstellen. Sie verleihen dem kleinen Bau eine eigenwillig archaische Note.

Advertisements
Veröffentlicht unter Oberösterreich | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ehm. Haydn-Kino, Eisenstadt (Burgenland)

Wer in den letzten zwei Wochen die burgenländischen Lokalnachrichten verfolgt hat, ist vielleicht auf die Meldung gestoßen, dass aus dem angedachten Bau eines neuen Megaplex-Kinos in Eisenstadt nun doch nichts wird. Damit bleibt die burgenländische Landeshauptstadt (vorerst) ohne ein eigenes Kino, denn das letzte schloss hier bereits 2011 – ziemlich genau 100 Jahre nach der Eröffnung des ersten Kinos im Ort.

1910 nämlich war es, als in einem Saal des Gasthofs zur Rose das erste (ortsfeste) Eisenstädter ‚Lichtspieltheater‘ eröffnete. In der damaligen Zeit war es, vor allem im ländlichen Raum, noch gang und gäbe, dass Kinos in Hinterstuben oder Nebenräumen von Gasthäusern untergebracht wurden. Erst in der Zwischenkriegszeit wurde es zunehmend üblich, dafür eigene, oft aufwändig gestaltete Gebäude zu errichten. – Auch in Eisenstadt wurde schließlich 1924 mit dem Haydn-Kino gegenüber der Bergkirche ein Lichtspieltheater erbaut, das der Modernität und Mondänität des neuen Mediums Film auch architektonisch gerecht wurde. Seine repräsentative, wenngleich asymmetrische Fassade wird von einem flachen polygonalen Erker im Obergeschoß dominiert; darüber erhebet sich ein gerade abgeschlossener, abgetreppter Giebel – beides Elemente, die ihren Ursprung im späten (Wiener) Jugendstil haben, aber doch bereits die markante Formensprache von Art Déco und Expressionismus ahnen lassen.

Diesem Stil entsprachen auch die spitzen Giebelchen, die ursprünglich die Schaukästen im Erdgeschoss bekrönten. Sie wurden jedoch später entfernt und sind heute nur noch als schwacher Abdruck im Wandverputz zu erahnen. Leider wurde die Erdgeschosszone überhaupt stark verändert. Vor allem wurde der elegante Art Déco-Eingang durch ein Pseudo-fin-de-siècle-Portal ersetzt, das so gar nicht in seine architektonische Umgebung passen will. So ist das längst aufgelassene Kino heute quasi nur noch ein Schatten seiner selbst, aber auch in dieser beeinträchtigten Form noch eine durchaus imposante Erinnerung an die goldene Ära der Filmindustrie.

Veröffentlicht unter Burgenland | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Ehm. Bauernhaus, Mönchhof (Burgenland)

Denkt man an alte burgenländische Bauernhäuser, stellt man sich meist schmale, niedrige Giebelfassaden vor, wie sie für die Region tatsächlich lange Zeit charakteristisch waren. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden diese aber mehr und mehr durch Hakenhöfe mit traufständiger Fassade abgelöst. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich dieser ‚neue‘ Typ des Breitfassadenhauses mit überbauter Einfahrt vor allem im Nordburgenland allgemein durch und prägt in vielen Dörfern bis heute das Straßenbild. Auch das hier gezeigte Beispiel aus Mönchhof, am Rand des Seewinkels, fällt in diese Kategorie. Allerdings wurde die Fassade in der jüngeren Vergangenheit massiv erneuert. Die alten Fenster etwa wurden ohne Rücksicht auf den historischen Bestand durch moderne Varianten ersetzt; die Front wurde mit einem einheitlichen Verputz versehen, dessen Farbton auch alles andere als historische Authentizität vermittelt…

Sehr wohl zum ursprünglichen Bestand gehört dagegen ein hübsches kleines Detail, das gleich in vierfacher Ausfertigung auftritt: Im obersten, ganz leicht hervortretenden Bereich der Fassade, also direkt unter der Dachtraufe, ist eine Reihe von vier kleinen Keramiktondi angebracht, aus denen Puttenköpfchen hervorschauen. Diese massenproduzierten Köpfchen waren früher an nordburgenländischen Bauernhäusern gang und gäbe. Da die Gegend nicht sonderlich reich war, bildeten sie oft den einzigen nennenswerten Fassadenschmuck. Wenn man durch die Dörfer der Region fährt oder geht und dabei die Augen offenhält, kann man sie auch noch an so mancher alten Hausfront erspähen. Es ließen sich auch gewiss Beispiele finden, wo die Fassade als Ganzes noch einen unverfälschteren Eindruck macht als beim hier gezeigten. Aber wie schon im vorigen Beitrag finde ich auch in diesem Fall gerade den Kontrast zwischen Alt und Neu interessant. Trotz aller Veränderungen hat man eben diese Zierelemente doch original an Ort und Stelle gelassen. So öffnet dieser einfache Bauschmuck bis heute vier kleine Fensterchen in die Vergangenheit.

Veröffentlicht unter Burgenland | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen