Portal, Wohn- und Geschäftshaus, Wien VIII

Erst unlängst ging es hier um die kleinen und großen Dinge, die man zufällig am Wegesrand entdeckt. In diese Kategorie fällt in gewisser Weise auch dieses Portal eines Wohn- und Geschäftshauses in der Josefstädter Straße, das mir vor einiger Zeit im Vorbeigehen auffiel… Das Erdgeschoß des Gebäudes ist mit glatten schwarzen Marmorplatten verkleidet, die so blank poliert sind, dass sich die gegenüberliegenden Häuser darin spiegeln. Das Portal mit den markanten Messingtüren ist nischenförmig in die Fassade vertieft; seiner Form nach kann man es im Grunde als ein nach innen gewandtes Bay Window definieren. Darüber befindet sich eine Oberlichte mit ebenfalls schwarzen, streng geometrischen Gittern vor den großen Glasflächen.

All diese Elemente ließen mich sofort an Adolf Loos denken, und schon nach kurzer Recherche stellte sich heraus, dass es hier tatsächlich eine relativ enge Verbindung gibt. Nicht etwa, dass das Gebäude von Loos selbst stammte; es wurde vielmehr von Ernst Epstein (1881–1938) entworfen. Dieser war ein im frühen 20. Jahrhundert äußerst erfolgreicher und vielbeschäftigter Architekt, in dessen Werk sich Jugendstil und Neoklassizismus ebenso mischten wie Neo-Biedermeier und Moderne. Eine entscheidende Wende erfuhr seine Formensprache dann jedoch eben durch die Zusammenarbeit mit Adolf Loos: 1910–1911 fungierte Epstein als Bauleiter bei der Errichtung des berühmt-berüchtigten Loos-Hauses am Michaelerplatz. In der Folge bediente er sich auch selbst vermehrt einer architektonischen Ausdrucksweise, die formale Reduktion mit der Verwendung reicher Materialen kombinierte und so eine an Loos gemahnende schlichte Eleganz entstehen ließ. Das 1911 errichtete Wohn- und Geschäftshaus in der Josefstädter Straße ist eines der frühesten Beispiele dafür und zeigt damit schön, wie rasch Loos’ neuer Stil in Wien Schule machte.

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Schmiedtleitner-Mausoleum, Friedhof Ober-St.-Veit, Wien XIII

Am Allerseelentag gibt es wieder den obligatorischen Friedhofsbesuch, der hier im Blog schon eine gewisse Tradition hat, auch wenn ich ihn nicht unbedingt jedes Jahr einhalte  (vgl. etwa hier und hier). Diesmal geht es auf den Ober-St.-Veiter Friedhof am Rande Wiens. Er wurde 1876 als parkartige Anlage in verhältnismäßig steilem Gelände errichtet. An seiner höchsten Stelle bildet eine Reihe prachtvoller historistischer Mausoleen gewissermaßen den krönenden Abschluss. Einige davon zeigen neugotische Formen, andere jene der Neo-Renaissance. Zu letzteren zählt das Mausoleum der Familie Schmiedtleitner, das sich als das größte und markanteste aus der Reihe hervorhebt (im oberen Foto der linke der beiden Kuppelbauten).

Ob die Gruftkapelle tatsächlich für die genannte Familie errichtet wurde, erscheint mir allerdings ein wenig fraglich. Denn das über dem Portal angebrachte Namensschild will mir weder materiell noch typographisch recht zur Architektur passen. Ich halte es daher für denkbar, dass es erst nachträglich angebracht wurde und dass der Bau ursprünglich für jemand anderen gedacht war. Besitzerwechsel kommen ja auch bei Mausoleen durchaus vor – aber natürlich ist das in diesem Fall reine Spekulation. Es könnte allerdings mit ein Grund sein, warum sich unter dem Namen Schmiedtleitner in zeitgenössischen Publikationen keine Informationen zu dem Grabbau finden lassen…

So konnte ich leider auch den Namen des Architekten nicht ausfindig machen. Aber das Bauwerk spricht ohnehin für sich und ist auch ohne Namensetikett beeindruckend. Es handelt sich um einen überkuppelten Zentralbau des späten 19. Jahrhunderts, der in den monumentalen Formen der Hochrenaissance gestaltet wurde. Die Vorderseite ist durch einen Portikus betont, dessen antikisierender Giebel von zwei Säulenpaaren getragen wird.

Den Giebel bekrönt eine geflügelte weibliche Figur. Das Kreuz in der Linken weist sie als christliche Allegorie aus. Formal betrachtet, stellt sie allerdings eine antike Siegesgöttin, mit dem Siegeskranz in der Rechten, dar. Im gegebenen Kontext ist sie wohl als Versinnbildlichung des Triumphs Christi über den Tod zu verstehen, also eines zentralen Glaubensinhalts des Christentums, der an einem Grabmonument natürlich besonders angebracht ist. Der Antikenbezug ermöglichte es aber, die Figur barbusig darzustellen, was sonst auf einem christlichen Friedhof vielleicht als unpassend empfunden worden wäre…

Auch abgesehen von dieser Skulptur besticht das Mausoleum nicht nur durch die architektonische Form, sondern auch durch seinen bauplastischen Schmuck und seine kunsthandwerklichen Details – von den schlafenden Genien im Giebelfeld zu den leuchterartigen Aufsätzen am Fuß der Kuppel…

…von den farbigen Glasfenstern bis hin zum niederen schmiedeeisernen Gitter, das den Bau seitlich begrenzt und von kunstvollen Rosen-Ornamenten bekrönt wird.

Details wie diese machen deutlich, dass es sich bei solchen Mausoleen um prunkvolle Repräsentationsbauten handelt, die zwar vergleichsweise klein sein mögen, die in Bezug auf den Reichtum der Ausstattung den Vergleich mit, sagen wir, den zeitgenössischen Ringstraßenpalais jedoch keineswegs zu scheuen brauchen.

 

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Bauernhaus, Großhart (Steiermark)

Wie schon der vorige Beitrag ist der heutige von einer Blogparade inspiriert: Auf Berg- und Flachlandabenteuer hat die Wanderbloggerin Carolin dazu aufgerufen, über Die kleinen Dinge am Wegesrand zu schreiben und sich den „kleinen Schätzen, die nicht immer sofort wahrgenommen werden“, zu widmen. Wer hier schon länger mitliest, wird sich wohl nicht wundern, dass mich dieses Thema sofort angesprochen hat. Denn genau dieses scheinbar Nebensächliche, das nur zufällig am Rande der Straße Wahrgenommene steht ja auch hier immer wieder im Mittelpunkt. Zugegeben, allzu klein sind die Dinge hier in der Regel nicht. Da es stets um Architektur – im weitesten Sinn des Wortes – geht, haben die behandelten Gegenstände doch eine gewisse Mindestgröße: Von der stillgelegten Fabrik bis zum schlichten Portiershäuschen, vom abgelegenen Gutshof bis zur Kapelle am ehemaligen Pilgerweg. Und dann sind da natürlich die vielen alten Bauernhäuser, die zwar oft bemerkenswert pittoresk neben der Straße liegen, aber meist doch zu alltäglich, um in Denkmalverzeichnissen oder dergleichen aufzuscheinen…

Ein solches Bauernhaus war auch das Thema eines der allerersten Posts, den ich hier vor mittlerweile mehr als fünf Jahren schrieb. Das Gebäude stach mir bei einer Wanderung im südoststeirischen Hügelland, unweit von Bad Waltersdorf, am Straßenrand ins Auge. Es war damals bereits verlassen und offensichtlich im Verfall begriffen, und ein Stück weit war es genau das, was mich daran faszinierte. Ich beschloss meinen damaligen Beitrag mit der Befürchtung, den Bau nicht mehr vorzufinden, sollte es mich in einigen Jahren wieder an den Ort verschlagen – und ein Blick auf die aktuelle Satellitenansicht in google maps scheint diese Vermutung zu bestätigen: An der Stelle, wo das Haus einst stand, ist inzwischen nur noch ein leeres Feld zu erkennen. Aber immerhin zeigt das Satellitenbild nach wie vor ein anderes Bauernhaus, das ich bei derselben Gelegenheit im Nachbarort Großhart fotografierte. Um dieses Haus, besonders um ein Detail daran, geht es im heutigen Beitrag…

 

Es handelt sich um einen für die Region typischen Vierseithof. Er besteht aus zwei parallelen Baukörpern mit Giebelfronten zur Straße, die an Vorder- und Rückseite durch schmale Quertrakte verbunden sind. Das weiß verputzte Gebäude scheint durchwegs gemauert zu sein, was für eine Entstehung im 19. oder sogar erst im frühen 20. Jahrhundert spricht.

Was ich daran so reizvoll fand, waren vor allem die grün gestrichenen Fensterläden, die sich vor dem weißen Grund der Fassaden auffällig abheben. Auch dieses Haus schien damals bereits leerzustehen, auch hier hatte schon der Verfall eingesetzt, hatten Farbe und Putz bereits abzublättern begonnen. Wenn man genau hinschaut, erkennt man an den Fensterrahmen auch noch die Scharniere längst verloren gegangener Fensterläden.

Wenn man schließlich ganz genau hinschaut, sieht man aber noch etwas anderes: kleine, blumenförmige Ornamente an den Metallgittern im Inneren der Fenster. Diese sind denkbar einfach, aber effektiv gestaltet, mit einem großen roten Kreis in der Mitte, darum herum sind je sieben Blätter angeordnet, von denen jedes wiederum mit einem roten Punkt verziert ist. Die kleinen roten Tupfen bilden einen hübschen Kontrast zum Grün und zum Weiß ihrer Umgebung und stechen so durchaus ein wenig hervor. Nicht zuletzt deshalb muss man man eigentlich auch gar nicht so genau hinschauen, um diese Ornamente zu entdecken. Sie leuchten nämlich so sehr heraus, dass man sie sogar von der Straße im Vorbeigehen gut wahrnehmen kann. Es reicht, dass man im richtigen Moment den Blick auf das Haus fallen lässt – und, voilà, schon sieht man sie: die sprichwörtlichen „Blumen am Wegesrand“, wenn auch in einer Form, in der man sie vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte.

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