Fassadenmalerei, Innsbruck (Tirol)

Da gerade die Zeit der Weinlese ist, heute ein thematisch einschlägiger Beitrag: eine Fassadenmalerei, die gleichsam das Firmenschild des Innsbrucker Weinhändlers Benedikt Fritz in der Pradler Straße bildete. Pradl, im Osten der Tiroler Hauptstadt, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom eigenständigen Dorf zum modernen Stadtteil angewachsen und 1904 nach Innsbruck eingemeindet worden. Um 1910 entstand im Bereich der Kreuzung Pradler Straße/Defreggerstraße eine geschlossene Verbauung aus großen, meist viergeschoßigen Zinshäusern in einheitlich späthistoristischen Formen. Stilistisch sind diese an die Architektur der süddeutschen Renaissance angelehnt, ihre geschoßübergreifenden polygonalen Erker greifen auch konkret die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Bautradition der Innsbrucker Altstadthäuser auf. Mehrere der Neubauten in diesem Straßenabschnitt sind mit Fassadenmalereien von Rafael Thaler (1870–1947) geschmückt, einem damals vielbeschäftigten Innsbrucker Freskomaler, dessen Werke man an vielen Häusern seiner Heimatstadt, aber auch in zahlreichen Tiroler Kirchen findet.

Von Thaler stammt nun auch das gemalte ‚Firmenschild‘ des Weinhändlers Benedikt Fritz. Es zeigt einen sogenannten Saltner, einen Weingartenhüter aus der Gegend von Meran, einem der wichtigsten (Süd-) Tiroler Weinbaugebiete. Die traditionelle auffällige Gewandung der Saltner beschreibt der bayerische Autor Ludwig Steub 1846 wie folgt:

„Der Saltner hat wenigstens um Meran herum eine eigene wunderliche Tracht, nämlich eine lederne Jacke von besonderem Schnitt, lederne Hosen, kurze Stiefel und einen dreispitzigen Hut, der mit Hahnenfedern, Gamsbärten und Eichhornschwänzchen verziert ist. Als Waffe führt er eine rostige Hellebarde. Dazu läßt er sich den Bart wachsen und wäscht sich nicht, so daß, wer nicht Bescheid weiß, ihn leicht für einen Räuber oder Banditen halten mag. Zarten Damenkehlen entfährt bei seinem ersten Anblick gern ein Schrei des Schreckens, und ein britischer Tourist soll einmal gar auf die Knie gefallen sein und, die volle Börse darbietend, den Saltner um sein Leben gebeten haben.“

In dem Maß, in dem der Tourismus in der international renommierten Kurstadt Meran zunahm, wandelten sich die Saltner allerdings von einer Schreckensgestalt zur folkloristisch verbrämten Identifikationsfigur. Um 1900 waren sie aufgrund ihrer ‚urigen‘ Tracht längst zu weithin bekannten Werbeträgern des (Süd-) Tiroler Weinbaus und Fremdenverkehrs geworden. So liest man schon 1899 in den Innsbrucker Nachrichten: „Wer kennte sie nicht die Meraner typischen Weinhüter, Saltner genannt, u. sei es selbst nur von Ansichtskarten her im Bilde oder von Alpenvereins- oder anderen alpinen Unterhaltungen der Großstädte, wo man die Imitation jener urwüchsiger markanten Gestalten so gerne ‚zum Pflanzreißen‘ als Thürsteher oder Billeteure verwendet.“

Als der Innsbrucker Weinhändler um 1910 einen Saltner an die Fassade seines Firmensitzes malen ließ, konnte er also davon ausgehen, dass Kunden und Passanten die Gestalt erkannten und mit dem Weinbau in Verbindung brachten. Damit nur ja kein Zweifel aufkommt, steht der Saltner auf dem Wandbild auch noch unter einer Weinlaube, während im Hintergrund Schloss Tirol, eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Gegend um Meran, zu sehen ist. So stellt das Bild heute nicht zuletzt eine Erinnerung an jene Zeit dar, als Nord- und Südtirol noch eine staatliche Einheit bildeten – und als Südtiroler Wein noch in weit größerem Maß auch im nördlichen Landesteil getrunken wurde.

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Ehm. Kino, Kleinwarasdorf (Burgenland)

Es gibt Bauwerke, denen man auf den ersten Blick ihre frühere Funktion ansieht, auch wenn sie lange schon leer stehen und längst keine Beschriftung mehr aufweisen. Ein solches Bauwerk ist das ehemalige Kino von Kleinwarasdorf. Die Straßenfassade bildet quasi eine idealtypische, jedoch auf einfachste Grundformen kondensierte Art Déco-Kinofront. Die schnörkellose weiße Fassade hat einen geraden, einfach getreppten oberen Abschluss; die Fenster sind vergleichsweise klein, dafür ist der zentral platzierte Eingang mit seinen beiden Doppelflügeltüren umso großzügiger dimensioniert. Er ist tief in die Wand eingeschnitten und mit einem gerundeten Vordach versehen. Mit äußerst bescheidenen Mitteln macht diese Fassade doch etwas her – zumindest in ihrer eher abgelegenen ländlichen Umgebung: Heute befindet sich das Gebäude am Ortsrand, zur Zeit seiner Entstehung dürfte es aber noch ganz im freien Feld gestanden haben.

Ganz anders als von vorne präsentiert sich das Kino in der Seitenansicht; hier wirkt es im Grunde wie ein großer Stadel, und man könnte es ohne weiteres für ein landwirtschaftlich genutztes Gebäude halten. Deutlich wird hier auch, dass die dezidiert modern gestaltete Straßenfassade nicht organisch mit dem großen Kinosaal verbunden, sondern diesem als eigenständiger Baukörper vorgeblendet ist. Insgesamt erhält man so einen ganz guten Eindruck davon, wie so ein Dorfkino früherszeiten aussah…

Was heißt nun ‚früherszeiten‘ genau? Intuitiv hätte ich die Fassade ja in die 1930er-Jahre datiert, laut den wenigen Informationen, die ich zum ehemaligen Kino von Kleinwarasdorf finden konnte, wurde es allerdings erst 1949 eröffnet. Es ist natürlich nicht gänzlich auszuschließen, dass sich diese Jahresangabe auf die Wiederaufnahme eines älteren, durch den Krieg unterbrochenen Betriebs bezieht. Andererseits habe ich erst im vorigen Beitrag darauf hingewiesen, dass moderne Architekturformen am ‚flachen Land‘ oft mit einiger Verspätung ankamen. Eine Entstehung des Baus in den ersten Jahren der Nachkriegszeit ist somit durchaus plausibel. Dennoch will ich diesen Beitrag wieder einmal mit der Bitte beenden: Falls jemand Genaueres weiß, würde ich mich über entsprechende Hinweise freuen.

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Bauernhaus, Mogersdorf (Burgenland)

Das südburgenländische Mogersdorf ist Architektur-Interessierten vor allem wegen Ottokar Uhls Gedächtniskapelle aus den 1960er-Jahren ein Begriff. Wie so oft lohnt es sich aber auch hier, beim Gang oder bei der Fahrt durch den Ort die Augen offen zu halten, um nach Beispielen traditioneller bäuerlicher Architektur Ausschau zu halten. Direkt an der Hauptstraße etwa stößt man auf dieses schön renovierte Bauernhaus, einen für die Region typischen Zwerchhof mit traufseitig zur Straße stehendem Wohnbau.

Die straßenseitige Fassade besticht durch eleganten Dekor im Jugendstil, der sich auf die Gebäudeecken sowie Parapete und Bekrönungen der Fenster konzentriert. Für sich betrachtet, würde man die Dekorationsformen wohl in die Jahre um oder bald nach 1900 datieren. Trotzdem neige ich dazu,  in diesem Fall eher eine Entstehung erst in der Zwischenkriegszeit anzunehmen. Denn in der bäuerlichen Architektur des Burgenlandes findet man häufig vergleichbare (datierte) Fassaden aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Überspitzt formuliert, könnte man sagen: Der Jugendstil kam in den burgenländischen Dörfern erst so richtig an, als er in Wien schon längst wieder aus der Mode war. Schön anzusehen ist er aber so oder so…

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