Bürgerhäuser, Kittsee (Burgenland)

Der Ortskern von Kittsee wird dominiert vom 1902 gegründeten Krankenhaus. Die darum herum gelegenen Bürger- und Bauernhäuser bieten wenig architektonisch Interessantes: Zwar weisen einige davon noch alte Bausubstanz auf, doch sind ihre Fassaden auf eine Art und Weise erneuert, die sie weitgehend ‚gesichtslos‘ gemacht hat. Eine Ausnahme bilden jedoch zwei nebeneinander gelegene Häuser am Joseph-Joachim-Platz. Rechts, an der Ecke zur Spitalgasse, ein ebenerdiger Hakenhof, der auf das frühe 18. oder sogar noch auf das späte 17. Jahrhundert zurückgeht. Auch hier ist die Fassade stark modernisiert, aber zumindest das Rundbogenportal mit plastischer Kartusche im Scheitel ist noch original erhalten.

Ein recht ähnliches Portal findet man auch am Haus links davon, allerdings etwas feiner gestaltet und einige Jahrzehnte später entstanden.

Das Gebäude selbst ist zweigeschoßig und im oberen Stockwerk durch einen Erker ausgezeichnet. Die Parapete unter den Fenstern zeigen den für die josephinische Epoche so charakteristischen Plattendekor. Alles in allem, ein für das späte 18. Jahrhundert typisches Bürgerhaus, das beinahe kleinstädtisch wirkt.

Allerdings stand Kittsee nie im Rang einer Stadt. Der Ort hatte jedoch seit dem Mittelalter das Marktrecht, dazu kamen die günstige Lage an der österreichisch-ungarischen Grenze zwischen Hainburg und Bratislava sowie ein herrschaftliches Schloss am Ortsrand – alles Faktoren, die Kittsee eine gewisse wirtschaftliche Bedeutung verschafften und Ansätze zu einer Entwicklung in Richtung Kleinstadt begünstigten. So gesehen ist vielleicht gerade die Kombination der beiden Häuser am Joseph-Joachim-Platz, mit ihrem Schwanken zwischen dörflichen und bürgerlich-städtischen Elementen, repräsentativ für das Erscheinungsbild des Ortes im 18. Jahrhundert.

P. S.: Eine Gedenktafel am Erker des linken Hauses erinnert daran, dass hier der seinerzeit berühmte Geigenvirtuose Joseph Joachim (1831–1907) geboren wurde. Nach ihm ist der Platz – eigentlich nicht viel mehr als eine kleine Erweiterung am Ende der Preßburger Straße – heute benannt.

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Wohnhaus, Wien IX

Beim Stöbern in meinem Fotoarchiv stieß ich eben auf eine Handvoll Bilder, die ich vor rund drei Jahren spontan aufnahm, als ich aus irgendeinem längst vergessenen Grund durch die Borschkegasse im 9. Wiener Gemeindebezirk kam. Sie zeigen das Haus mit der Nummer 8; ein vergleichsweise niedriges Gebäude mit bereits abbröckelnder Gründerzeit-Fassade, die mir im Vorbeigehen ins Auge stach.

Wie ich nun bei einer kurzen Recherche feststellen musste, gibt es das Haus inzwischen schon nicht mehr. Es ist, oder besser gesagt: es war eines jener zahlreichen Wiener Gründerzeit-Häuser, die in den letzten Jahren abgerissen wurden. Immerhin wurde es nicht wie viele andere Altbauten durch irgendein Spekulationsobjekt ersetzt, sondern durch ein Haus der Kinderhilfe. Weg ist aber trotzdem, und so ist der heutige Beitrag gewissermaßen ein architekturgeschichtlicher Nachruf …

Errichtet wurde das repräsentative Wohnhaus 1898 nach Plänen von Jakob Gartner (1861–1921), einem aus Mähren stammenden Vertreter des Späthistorismus, der beim Ringstraßen-Architekten Carl von Hasenauer studiert hatte. Bedeutung erlangte Gartner vor allem als Erbauer von Synagogen in zahlreichen Städten der Donaumonarchie. Daneben errichtete er aber auch viele Wohn- und Geschäftshäuser in Wien, von denen jenes in der Borschkegasse eines der früheren war.

Das gebänderte Erdgeschoß war oben durch durchlaufendes Gesims abgeschlossen. Die beiden darüberliegenden Etagen wurden durch geschoßübergreifende Pilaster zusammengefasst und wiesen plastischen Bauschmuck in Form von Festons und Girlanden auf. Auffälligstes Zierelement waren jedoch die vergleichsweise monumentalen Maskarons – maskenartige Gesichter –, die den oberen Abschluss der Pilaster bildeten.

Wie die Fassade als Ganzes changieren die Maskarons zwischen Neo-Barock und Jugendstil – eine in Wien um 1900 durchaus typische Mischung. Man findet sie auch an anderen Bauten Gartners, der mit dieser Gestaltungsweise dem Repräsentationsbedürfnis des Großbürgertums entsprach. So gesehen war das Haus in der Borschkegasse sicherlich nicht das aufsehenerregendste oder innovativste in der Wiener Architektur jener Epoche, aber doch ein recht ansehnlicher Vertreter des ‚Zeitstils‘. Schade ist es also allemal darum.

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Fassadenmalerei, Innsbruck (Tirol)

Da gerade die Zeit der Weinlese ist, heute ein thematisch einschlägiger Beitrag: eine Fassadenmalerei, die gleichsam das Firmenschild des Innsbrucker Weinhändlers Benedikt Fritz in der Pradler Straße bildete. Pradl, im Osten der Tiroler Hauptstadt, war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom eigenständigen Dorf zum modernen Stadtteil angewachsen und 1904 nach Innsbruck eingemeindet worden. Um 1910 entstand im Bereich der Kreuzung Pradler Straße/Defreggerstraße eine geschlossene Verbauung aus großen, meist viergeschoßigen Zinshäusern in einheitlich späthistoristischen Formen. Stilistisch sind diese an die Architektur der süddeutschen Renaissance angelehnt, ihre geschoßübergreifenden polygonalen Erker greifen auch konkret die spätmittelalterlich-frühneuzeitliche Bautradition der Innsbrucker Altstadthäuser auf. Mehrere der Neubauten in diesem Straßenabschnitt sind mit Fassadenmalereien von Rafael Thaler (1870–1947) geschmückt, einem damals vielbeschäftigten Innsbrucker Freskomaler, dessen Werke man an vielen Häusern seiner Heimatstadt, aber auch in zahlreichen Tiroler Kirchen findet.

Von Thaler stammt nun auch das gemalte ‚Firmenschild‘ des Weinhändlers Benedikt Fritz. Es zeigt einen sogenannten Saltner, einen Weingartenhüter aus der Gegend von Meran, einem der wichtigsten (Süd-) Tiroler Weinbaugebiete. Die traditionelle auffällige Gewandung der Saltner beschreibt der bayerische Autor Ludwig Steub 1846 wie folgt:

„Der Saltner hat wenigstens um Meran herum eine eigene wunderliche Tracht, nämlich eine lederne Jacke von besonderem Schnitt, lederne Hosen, kurze Stiefel und einen dreispitzigen Hut, der mit Hahnenfedern, Gamsbärten und Eichhornschwänzchen verziert ist. Als Waffe führt er eine rostige Hellebarde. Dazu läßt er sich den Bart wachsen und wäscht sich nicht, so daß, wer nicht Bescheid weiß, ihn leicht für einen Räuber oder Banditen halten mag. Zarten Damenkehlen entfährt bei seinem ersten Anblick gern ein Schrei des Schreckens, und ein britischer Tourist soll einmal gar auf die Knie gefallen sein und, die volle Börse darbietend, den Saltner um sein Leben gebeten haben.“

In dem Maß, in dem der Tourismus in der international renommierten Kurstadt Meran zunahm, wandelten sich die Saltner allerdings von einer Schreckensgestalt zur folkloristisch verbrämten Identifikationsfigur. Um 1900 waren sie aufgrund ihrer ‚urigen‘ Tracht längst zu weithin bekannten Werbeträgern des (Süd-) Tiroler Weinbaus und Fremdenverkehrs geworden. So liest man schon 1899 in den Innsbrucker Nachrichten: „Wer kennte sie nicht die Meraner typischen Weinhüter, Saltner genannt, u. sei es selbst nur von Ansichtskarten her im Bilde oder von Alpenvereins- oder anderen alpinen Unterhaltungen der Großstädte, wo man die Imitation jener urwüchsiger markanten Gestalten so gerne ‚zum Pflanzreißen‘ als Thürsteher oder Billeteure verwendet.“

Als der Innsbrucker Weinhändler um 1910 einen Saltner an die Fassade seines Firmensitzes malen ließ, konnte er also davon ausgehen, dass Kunden und Passanten die Gestalt erkannten und mit dem Weinbau in Verbindung brachten. Damit nur ja kein Zweifel aufkommt, steht der Saltner auf dem Wandbild auch noch unter einer Weinlaube, während im Hintergrund Schloss Tirol, eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Gegend um Meran, zu sehen ist. So stellt das Bild heute nicht zuletzt eine Erinnerung an jene Zeit dar, als Nord- und Südtirol noch eine staatliche Einheit bildeten – und als Südtiroler Wein noch in weit größerem Maß auch im nördlichen Landesteil getrunken wurde.

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