Dorfmühle, Schützen am Gebirge (Burgenland)

Gerade einmal 38 Kilometer legt die Wulka von ihrem Ursprung im Rosaliengebirge bei Forchtenstein bis zu ihrer Mündung in den Neusiedler See bei Donnerskirchen zurück. Dennoch war sie jahrhundertelang von großer wirtschaftlicher Bedeutung: In der nicht gerade fluss-reichen Region diente sie – samt Nebenflüsschen und eigens abgeleiteten Kanälen – bis ins 20. Jahrhundert hinein zum Betrieb zahlreicher Mühlen. Schon im 16. Jahrhundert sind nicht weniger als 30 Wulkamühlen nachgewiesen, um 1900 war ihre Zahl auf 36 gestiegen. Dann kam freilich die Industrialisierung, die viel leistungsstärkeren Dampf- und später die elektrischen Mühlen lösten die alten Wassermühlen ab und führten zu deren Auflösung und Verfall.

Heute ist nur noch eine Handvoll der ehemaligen Wulkamühlen erhalten. Neben der bekannten, zum Kulturzentrum umfunktionierten Cselley-Mühle in Oslip bildet die Dorfmühle am Rand von Schützen eines der wenigen Beispiele, in dem der ursprüngliche Baubestand noch intakt ist. Die im Kern aus der Barockzeit stammende Anlage gruppiert sich in drei Flügeln um einen Hof, der durch eine Mauer und durch Bäume von der Straße abgeschirmt ist. Lediglich die Stirnwand des Südosttrakts ist von hier aus zu sehen: Sie präsentiert sich als eine jener schlichten weißgetünchten Giebelfronten, wie sie für die traditionelle Architektur der Region so typisch sind. Ein rechteckiges Feld im Giebel enthält ein stilisiertes Mühlrad in flachem Relief und zeigt(e) damit den Vorübergehenden und -fahrenden, wie eine Art Firmenschild, die Funktion des Gebäudes an. Laut dem Dehio-Handbuch soll dieses Relieffeld mit „1881“ bezeichnet (gewesen) sein, allerdings wurde der Burgenland-Dehio zuletzt 1980 aktualisiert und heute ist von einer solchen Jahreszahl an der Fassade nichts mehr zu erkennen. Was bleibt ist das Mühlrad – Symbol einer längst vergangenen Zeit, als an der Wulka noch, wie Perlen an einer Schnur, die Wassermühlen aufgefädelt waren…

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Pfarrhof, Bludesch (Vorarlberg)

Manchmal reicht mir ein Detail, um im Kopf Verbindungslinien zwischen an sich sehr unterschiedlichen Gebäuden zu ziehen: So lässt mich der Pfarrhof in Bludesch irgendwie an das Rathaus in Spital am Semmering denken, um das es im vorigen Beitrag ging – und das ganz allein wegen der farblichen Gestaltung, konkret wegen der in beiden Fällen ähnlichen Kombination von hellen Blau- und Rottönen.

Am Pfarrhof sind es Türstock und Fensterrahmen, die in einem irgendwo zwischen rosa und rostfarben angesiedelten Rot gefasst sind, während die Tür und die Fensterläden blau erstrahlen. Darüber hinaus weist die Fassade so gut wie keine Gestaltungselemente auf; lediglich ein schmales gemaltes Gesims über dem Erdgeschoß und eine ebenfalls aufgemalte Eckquaderung setzen gewisse Akzente. Diese sind aber in so zarten Farben gehalten, dass man sie eigentlich nur aus nächster Nähe wirklich wahrnimmt.

Auch ansonsten handelt es sich um ein ausgesprochen schlichtes Gebäude: Rechteckiger Grundriss, ein Erd- und ein Obergeschoß, darüber ein steiles Satteldach, das zur Straße hin eine hohe Giebelfront entstehen lässt. Eine Grundform, die für die Region typisch ist, aber auch so etwas wie den Archetypus eines Hauses darstellt – ein Haus fast wie aus einer Kinderzeichnung. Entsprechend schwer fällt es, das Gebäude nur nach dem Augenschein zu datieren; selbst die Fensterumrahmungen sind hier so einfach gestaltet, dass sie sich nicht zwingend einer bestimmten Epoche zuordnen lassen.

Zum Glück gibt es in diesem Fall aber noch Schriftquellen, die belegen, dass der Pfarrhof in den Jahren 1632–1633 erbaut wurde. Seine Entstehung fällt damit in eine Zeit, in der Bludesch einige nicht unwesentliche Veränderungen durchlief: 1614 war der Ort, als Teil der Herrschaft Blumenegg, in den Besitz des Reichsstifts Weingarten gelangt, 1651–1652 wurde dann die alte gotische Pfarrkirche durch einen barocken Neubau ersetzt. Dass man in dieser Phase auch den Pfarrhof, als Sitz der kirchlichen Verwaltung, in durchaus ansehnlicher Größe neu errichtete, passt da gut ins Bild.

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Rathaus, Spital am Semmering (Steiermark)

Wie viele Orte in der Semmering-Region erlebte Spital in den Jahren um 1900 durch den zunehmenden Tourismus das, was man gemeinhin als Blütezeit bezeichnet. „Ein hübscher Ort, elektrisch beleuchtet, mit schon sehr lebhaftem Verkehr“, bemerkt eine Beschreibung von 1910 und fährt fort: „Spital ist mit Wien in ausgezeichneter Weise verbunden; für Sommerfrischler besonders wertvoll ist der zwischen Wien und Mürzzuschlag im Sommer täglich verkehrende Semmering-Blitzzug, der mit außerordentlicher Beschleunigung die Strecke zurücklegt (…).“

In dieser Situation kann es nicht verwundern, dass es – neben dem Ausbau der touristischen Infrastruktur – in Spital 1906 zum Bau eines neuen, repräsentativen Rathauses kam. Als Architekt engagierte man einen Schüler Otto Wagners aus Wien, auch wenn die Wahl (zufällig oder bewusst?) auf einen gebürtigen Steirer fiel, nämlich auf Paul Gütl (1875–1944). Das 1907 fertiggestellte Rathaus am Semmering war Gütls erste Arbeit als selbständiger Architekt und zeigt noch deutlich den Einfluss seines Lehrers: Elemente wie das weit auskragende Dach oder die monumentale, geschoßübergreifende Pilasterordnung an der Hauptfassade sind für die Wagner-Schule typisch.

Die Monumentalität der Fassade wird allerdings durch die Gliederung mittels Bandrustika, die sogar die Pilaster einschließt, konterkariert, sodass ein eher kleinteiliger Eindruck entsteht. Dieser wird noch bestärkt durch die Auflösung der Baumasse an der (von der Straße aus gesehen) rechten Seite des Gebäudes, wo mehrere kleinere Baukörper hinter- bzw. übereinander gestaffelt wurden. Auch die prägnante Farbgebung mit rosa und hellblauen Akzenten erzielt eine „liebliche“ Wirkung, die den monumentalen Tendenzen entgegensteht. Der Naturstein-imitierende Sockel, der das Gebäude trägt, verleiht dem Ganzen schließlich auch noch eine leicht rustikale Note, wie sie der alpinen Umgebung angemessen erscheint.

Trotz aller Bezüge zu Otto Wagner hat Gütl hier also einen höchst eigenständigen, um nicht zu sagen eigenwilligen Bau geschaffen, in dem sich bereits die weitere Entwicklung seines Werks anzukündigen scheint: In seinen späteren Bauten zeigt Gütl deutliche Tendenzen zu den romantisierenden Formen des Heimatstils. Die Ambivalenz, die sich im Rathaus von Spital am Semmering abzeichnet, entspricht aber in gewisser Weise genau dem, was um 1900 bei Rathausbauten im ländlichen Raum gefragt war: Einerseits wollten die Stadtväter Fortschrittlichkeit demonstrieren und griffen dazu die aktuellen Formen des Jugendstils auf – andererseits sollte das Resultat aber auch nicht zu modern und städtisch wirken.

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