Kapelle, Schloss Hernstein (Niederösterreich)

Schloss Hernstein, im niederösterreichischen Bezirk Baden, zählt zu den Hauptwerken des Ringstraßen-Architekten Theophil Hansen (1813–1891). Es entstand ab 1856 für den Habsburger Erzherzog Leopold (1823–1898). Allerdings handelt es sich nicht um einen völligen Neubau, sondern um den Umbau eines schon bestehenden vierseitigen Gutshofes. Hansen formte den vorgefundenen Bau mit eigentlich recht einfachen Mitteln zu einem repräsentativen Jagdschloss um. Er fügte an beiden Enden einen Turm hinzu und überzog die Fassade nach einheitlichem Schema mit Ornamenten im Stil der englischen Tudor-Gotik.

Etwas weniger einheitlich ist die Lage im Inneren. Die prunkvolle Ausstattung der Räume zog sich nämlich bis 1880, und bis dahin war die romantisierende Mittelalterrezeption, die den Außenbau prägt, eigentlich schon wieder aus der Mode, wenigstens im Schlossbau. Vor allem im Obergeschoß wurden in Hernstein daher die meisten Räume bereits in klassizistisch-renaissancehaften Formen gestaltet, wie sie dem veränderten Geschmack der 1870er Jahre entsprechen.

Rein gotisch präsentiert sich im Inneren aber die Schlosskapelle. Das liegt zum einen daran, dass die Gotik als ‚sakraler‘ Baustil galt und bei Kirchen und Kapellen bevorzugt Anwendung fand; zum anderen aber auch daran, dass die Kapelle als einer der ersten Räume des Schlosses noch vor dem angesprochenen ‚Geschmackwandel‘ fertiggestellt wurde: Der Schlussstein im Gewölbe trägt die Jahreszahl 1860.

Die kleine Kapelle besteht aus zwei Jochen, nämlich einem größeren Hauptraum und dem kleineren Altarraum. Dieser liegt im ersten Stock des nordwestlichen Turmes und tritt auch an der Fassade durch sein spitzbogiges, wimpergbekröntes Fenster deutlich in Erscheinung. (Die übrigen Fenster des Schlosses haben einen geraden Abschluss.) Ein am selben Turm ganz oben angebrachter Relieftondo, der eine Madonna mit Kind zeigt, weist zusätzlich noch auf die Präsenz des Sakralraums in diesem Teil des Schlosses hin (vgl. das erste Foto).

Der Innenraum ist wie schon erwähnt komplett gotisch gestaltet, steht aber – im Gegensatz etwa zum strengen Historismus der zur selben Zeit geplanten Votivkirche in Wien – noch stark in der Tradition des romantischen Historismus. D. h. die Architektur bezieht sich nicht auf eine präzise identifizierbare Phase der Gotik, sondern mischt recht großzügig Formen der englischen Tudor-Gotik (etwa an den Türrahmungen) mit Elementen, die eher an die deutsche Spätgotik erinnern. So wird ein mittelalterlicher Eindruck suggeriert, ohne dass das Ganze im Detail allzu ‚historisch-korrekt‘ wäre.

Aber fast bemerkenswerter als die Formen an sich ist ohnehin die prachtvolle Materialität des Kapellenraums. Er bietet ein für Interieurs der Ringstraßenzeit typisches reiches Erscheinungsbild: An den Wänden finden sich rot-gelbe Marmorinkrustationsmuster, an den Türen übergoldetes Blendmaßwerk und Schnitzereien, an der Decke Sternrippengewölbe auf Konsolen, die von wappenhaltenden Engeln getragen werden. Auch die tiefblau eingefärbten Gewölbe sind von reichem goldenen Blendmaßwerk überzogen, in den Gewölbezwickeln befinden sich gemalte Rundmedaillons mit Darstellungen von habsburgischen Hausheiligen. Diese entstanden unter der Ägide des bedeutenden Historienmalers Carl Rahl (1812–1865), allerdings unter maßgeblicher Beteiligung seines Schülers Christian Griepenkerl (1839–1916), der nach Rahls Tod auch die Malereien in Empfangssaal und Schlafzimmer des Schlosses ausführte.

Das auffälligste Element der malerischen Ausstattung ist aber wohl das prächtige Glasfenster der südöstlichen Stirnwand, das die Heiligen Wenzeslaus und Leopold zeigt.Es stammt von Carl Geyling (1814–1880), der eine entscheidende Rolle in der Wiederbelebung der Glasmalerei im 19. Jahrhundert spielte. Im Hernsteiner Fenster griff er auf den Stil des frühen 16. Jahrhunderts zurück. Es fügt sich damit gut in die Architektur, passt aber auch hervorragend zum Altarbild, einer Anbetung der hl. drei Könige von dem niederländischen Maler Pieter Coecke van Aelst (1502–1550), die mit einem prächtigen neugeschaffenen Rahmen versehen wurde. Allerdings ist van Aelsts Gemälde heute durch Kopie ersetzt, da das Original vor wenigen Jahren unter gelinde gesagt umstrittenen Umständen verkauft wurde…

Trotz dieses kleinen Schönheitsfehlers präsentiert sich die Schlosskapelle als bemerkenswert intakt erhaltener Innenraum der Ringstraßenzeit. Dasselbe lässt sich übrigens auch für viele der anderen Repräsentationsräume in Schloss Hernstein sagen. Leider sind sie üblicherweise nicht öffentlich zugänglich – wer kurzentschlossen noch Zeit und Lust hat, kann sie allerdings diesen Samstag (21. April) im Rahmen einer Führung besichtigen: Nähere Infos und Anmeldemöglichkeit gibt es auf der Seite des Vereins Architekturerbe Österreich.

 

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Portal, ehm. Handelskammer, Wien I

Wie viele vermutlich schon mitbekommen haben, jährt sich heute der Todestag von Otto Wagner zum hundertsten Mal. Es läge daher durchaus nahe, den heutigen Beitrag einem Wagner-Bau zu widmen – allerdings ist das Grundprinzip dieses Blogs ja, eben nicht über das Naheliegende zu schreiben, sondern die Aufmerksamkeit auf das eher Abgelegene, oft Übersehene zu lenken. Daher gibt es heute doch kein Werk des großen Jugendstil-Architekten, sondern ‚nur‘ eines aus seiner Umgebung: die ehemalige Kammer für Handel, Gewerbe und Industrie (heute Wirtschaftskammer) am Wiener Stubenring, deren Nordfassade (am Georg-Coch-Platz) und Westseite (Biberstraße) unmittelbar an Wagners berühmte Postsparkasse (1904–1906) grenzen.

Das Gebäude wurde 1905–1907, also annähernd gleichzeitig mit der Sparkasse, nach Plänen von Ludwig Baumann errichtet. Es handelt sich um einen etwas klobig wirkenden Monumentalbau, der im Grunde dem Späthistorismus verpflichtet ist, vor allem im reichen Skulpturendekor aber auch secessionistische Formen aufweist. Ich muss zugeben, dass mir das Bauwerk nicht sonderlich ‚sympathisch‘ ist, für absolut sehenswert halte ich aber seine Portale. Das gilt für das säulengerahmte Hauptportal am Stubenring mit schöner Jugendstilverglasung, das gilt vor allem aber auch für den einfacher gestalteten Eingang an der Rückseite zur Biberstraße. Im Vergleich zum Rest des Gebäudes wirkt dieser dezent und zurückgenommen; die schlichte, rechteckige Rahmung des Portals tritt nur wenig aus der Wandfläche hervor. Auffällig sind allerdings die beiden schmalen, hohen Bildfelder links und rechts von der Tür: Sie enthalten Bleireliefs von Franz Seifert (1866–1951), die – der Funktion des Gebäudes entsprechend – allegorische Darstellungen von Handel und Industrie zeigen.

 

Beide sind als weibliche Personifikation wiedergegeben. Der Handel hält in der Rechten einen Geldbeutel, in dessen Öffnung Münzen sichtbar werden. Mit der Linken hingegen lehnt die Figur auf einem großen Buch mit der Aufschrift „Soll und Haben“. Ihr gegenüber trägt die Industrie einen großem Hammer über der Schulter.

Diese prosaischen Attribute stehen in einem gewissen Kontrast zur eleganten, fast ätherischen Form der Figuren. Die schlanken Frauengestalten in enganliegenden Gewändern erinnern – bis hin zu Details wie den Frisuren – an die Florentiner Renaissance: Botticelli oder Filippo Lippi haben im 15. Jahrhundert ähnliche Figuren geschaffen. Auch die Technik des flachen, sich nur wenig vor dem ornamentieren Hintergrund abhebenden Reliefs stammt aus der italienischen Renaissance und unterstreicht den historischen Bezug.

Neben den Reliefs verdient aber auch die Tür selbst Aufmerksamkeit. Sie ist geprägt von eleganten Metallgittern, die wellenartige Ornamente im Secessions-Stil bilden.

Gewiss, gerade neben Wagners Postsparkasse wirkt diese Gestaltungsweise ein wenig altmodisch. Allzu deutlich tritt hier noch der dekorative Stil der 1890er zutage, und das nur ein Jahr, bevor Adolf Loos in seiner Polemik Ornament und Verbrechen (1908) das Ornamentale unter Generalverdacht stellte. Dennoch, sehenswert ist das Portal in der Biberstraße allemal. Wer also in den nächsten Tagen – oder sonst irgendwann – auf den Spuren Otto Wagners zum Georg-Coch-Platz pilgert, sollte nicht verabsäumen, es wenigstens im Vorbeigehen eines Blickes zu würdigen…

P. S.: Wer heute doch unbedingt etwas über Otto Wagner lesen will, sei an dieser Stelle noch an einen Post vom Vorjahr erinnert, in dem es um Wagners Schützenhaus am Donaukanal geht.

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Gasthof Goldener Adler, Innsbruck (Tirol)

Noch ein historischer Gasthof, aber diesmal ein richtig alter: Der Goldene Adler im Herzen von Innsbruck geht auf das Jahr 1390 zurück und wurde seither durchgehend als Einkehrgasthof an der wichtigen Brennerroute von Deutschland nach Italien genutzt. Im Laufe der Jahrhunderte haben hier viele prominente Reisende übernachtet, darunter Goethe und Mozart, Sartre und Camus, um nur einige zu nennen. (Und ich vermute, dass gerade irgendeine steirische Politprominenz dort zu Gast war, als ich das obige Foto aufgenommen habe – üblicherweise hängt an der Fassade nämlich nur die Tiroler und nicht auch die steirische Fahne…)

Das bestehende Gebäude stammt im Wesentlichen wohl aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Auffällig sind vor allem die bald danach angebrachten spätgotischen Malereien an der Fassade. Im Erdgeschoß umgeben große, Grau in Grau gemalte Quader die Bogenöffnungen der Lauben. Darüber schließt eine einfache Fugenmalerei mit roten Linien auf weißem Grund an. Die Gebäudeecken hingegen sind durch bunte, ebenfalls gemalte Eckquader betont.

Im ersten und zweiten Stock kommt noch reiche Scheinarchitektur rund um die Fenster dazu. Aufwändige Maßwerkrahmen und -bekrönungen, die sich in vegetabile Formen auflösen, ranken sich hier um die Wandöffnungen. Dazwischen sind immer wieder auch Figuren von Menschen und Tieren eingestreut. Diese Hauptzone der Bemalung wird oben durch ein gemaltes Maßwerkband begrenzt, darüber setzt sich nur noch die einfache Fugenmalerei fort.

So prachtvoll diese Dekoration ist, so hat sie doch einen kleinen Schönheitsfehler. Die mittelalterliche Bemalung wurde nämlich erst 1957 unter jüngeren Putzschichten wiederentdeckt und 1964 schließlich ganz freigelegt. Dabei wurde der vorgefundene Bestand auch „restauriert“ – allerdings nicht unbedingt nach wissenschaftlichen Kriterien, sondern zum Teil sehr frei rekonstruierend und ergänzend. Vor allem den Figuren sieht man an, dass sie aus dem mittleren 20. Jahrhundert stammen und nicht vom Ende des Mittelalters.

Dennoch, solange man nicht zu genau hinschaut, vermittelt der Goldene Adler einen im Großen und Ganzen guten Eindruck davon, was zur Zeit der Spätgotik in der gehobeneren Fassadendekoration Mode war.

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