Schloss Kobersdorf (Burgenland)

Schloss Kobersdorf wird erstmals 1229 urkundlich erwähnt, doch ist ihm heute nicht mehr anzusehen, dass es sich ursprünglich um eine mittelalterliche Burg handelte. Vielmehr rittert der Bau heute mit Schloss Deutschkreutz um den Titel des schönsten Renaissance-Schlosses im Burgenland. Wobei Renaissance in diesem Zusammenhang ein relativer Begriff ist, denn der letzte, prägende Umbau der Anlage fällt bereits in Zeit des Übergangs von der manieristischen Spät-Renaissance zum Frühbarock: Auch wenn etwa die charakteristischen runden Ecktürme mit ihren Kegeldächern großteils noch aus dem 16. Jahrhundert stammen, erhielt das Schloss seine definitive Gestalt erst Mitte des 17. Jahrhunderts durch Graf Johann I. Kery, der es 1648 durch Heirat erworben hatte.

Der weitläufige Komplex wird von einem Wassergraben umgeben, der heute zwar trockengelegt, aber in seiner Struktur noch gut erkennbar ist. Dem Haupteingang im Norden ist eine Barbakane vorgebaut, die durch eine Brücke mit dem eigentlichen Schloss verbunden ist. Die Schlossanlage ist um zwei weitläufige Höfe herum gruppiert, von denen der größere östliche die noch mittelalterliche Burgkapelle mit sechseckigem Turm enthält. Gewissermaßen das Prunkstück des Baus bildet jedoch der kleinere westliche Innenhof mit eleganter Renaissancefassade am Osttrakt und offenen Arkaden an den übrigen Seiten. Leider ist dieser jedoch nicht allgemein zugänglich, sondern nur für Gruppen nach Voranmeldung oder im Sommer im Rahmen der Kobersdorfer Schlossspiele zu besichtigen.

Aber auch von außen ist das Schloss durchaus sehenswert, angefangen bei den fein gearbeiteten Rundbogenfenstern bis zum Haupttor an der Barbakane: einem wuchtigen rustizierten Portal mit Madonnenfigur im Sprenggiebel. Eine Inschrift in goldenen Lettern datiert es auf das Jahr 1656 und markiert den Abschluss der Umbauarbeiten durch Graf Kery.

Wenn von Schloss Kobersdorf die Rede ist, dann ist neben Graf Kery aber noch einer weiteren „Bauherrin“ zu gedenken: der Architektin Martha Bolldorf-Reitstätter (1912–2001), einer Schülerin und zeitweiligen Mitarbeiterin von Clemens Holzmeister. Sie erwarb das Schloss 1963 zusammen mit ihrem Mann, dem Architekten Leo Nikolaus Bolldorf, und sorgte in jahrelanger Arbeit für die fachgerechte Restaurierung und Revitalisierung des Baus.

Auch jenseits von Kobersdorf war Bolldorf-Reitstätter übrigens eine Spezialistin im Bereich von Denkmalschutz und Instandsetzung: Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie neben Dombaumeister Karl Holey maßgeblich an der Wiederherstellung des Stephansdoms und weiterer bedeutender Bauten in Wien beteiligt. Im Burgenland war sie nach der Errichtung der Diözese Eisenstadt im Jahr 1960 für den Umbau der spätgotischen Eisenstädter Pfarrkirche zum bischöflichen Martinsdom verantwortlich. Es ist daher kein Zufall, dass sie – wie es heißt: als erste Frau – mit der Österreichischen Denkmalschutzmedaille ausgezeichnet wurde.

 

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Wohn- und Geschäftshaus, Bregenz (Vorarlberg)

Nun startet auch der Blog wieder ins Neue Jahr, und was passt da besser als ein Schiff, das mit geblähtem Segel vorwärtsstrebt und auf dem Rumpf mit Fortuna – Glück – beschriftet ist?

Bei dem Schiff handelt es sich um ein Stuckornament am Erkerfuß eines Gründerzeithauses in der Bregenzer Kaiserstraße, Hausnummer 13, das im Jahr 1902 errichtet wurde. Der über dem Eingangsportal hervorkragende Erker bildet das auffälligste Zierelement der asymmetrischen Fassade. Sein Fuß ist mit Stuck dekoriert: Blätter und Ranken akzentuieren seine Gratlinien, an den Ecken sind Tierköpfe angebracht, außen jeweils Schafe, innen Löwen mit weit aufgerissenem Maul.

Die Kaiserstraße präsentiert sich bis heute als gründerzeitliche Geschäftsstraße, und auch die Nummer 13 diente von Anfang an nicht nur als Wohn-, sondern auch als Geschäftshaus. Darauf verweist noch das stuckierte Schiff, auf dessen Achterdeck sich die Warenkisten und -ballen stapeln. Und darauf verweist auch die wappenartige Kartusche über dem Portal, in der man die verschlungenen Initialen C und D erkennt. Sie erinnern bis heute an die Schnitt- und Modewaren-Handlung C. Darthe, die sich im frühen 20. Jahrhundert an dieser Adresse befand. Leider konnte ich in diesem Fall nicht eindeutig klären, wofür oder besser für wen in diesem Fall das C. steht. Denkbar wäre Conrad Darthe, der seit den 1870er-Jahren als Betreiber eines Stoff- und Kleidergeschäfts in Feldkirch aufscheint und spätestens in den 1880ern eine Dependance in der Bregenzer Kaiserstraße eröffnete. Allerdings ist als Geschäftsadresse für Conrad Darthe zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kaiserstraße 16 ausgewiesen. Zur gleichen Zeit begegnet aber auch ein Modewarengeschäft Conrad Darthe in der Kaiserstraße 10, das den Beinamen „Zum jungen Darthe“ trägt; vermutlich handelte es sich bei dessen Inhaber also um den Sohn des Ersteren. Daneben begegnet allerdings auch noch eine Caroline Darthe, möglicherweise Tochter bzw. Schwester der Vorgenannten: Sie wird 1891 als Alleininhaberin der Firma „C. Darthe, Manufactur-, Mode- und Wirkwaaren“ genannt und erhält 1893 auch die Prokura über das noch bestehende Geschäft in Feldkirch. 1918 scheint sie als Mitbegründerin des Vorarlberger Witwen- und Waisenbundes auf und wird bei dieser Gelegenheit ebenfalls noch als Geschäftsinhaberin in Bregenz angeführt.

Um es also vorsichtig zu formulieren: Das dahinsegelnde Transportschiff erinnert an eine ganze Händlerfamilie, der, wie es scheint, einst fast die ganze Straße gehörte. Nun, nicht die ganze Straße: In der Vorarlberger Landes-Zeitung vom 1. März 1913 findet sich im Anzeigenteil eine kuriose Erklärung, die von einem gewissen Oskar Ernst unterzeichnet ist. Er betrieb an der Adresse Kaiserstraße 14 das Warenhaus „Zur Wiener Mode“ und war von der Konkurrenz durch die Firma Darthe offenbar wenig angetan – in seiner öffentlichen Erklärung heißt es:

„Nachdem die in dem an mein Geschäft angrenzenden Laden des Konrad Darthe beschäftigten Mädchen nach wie vor in der unverfrorensten Weise die meine Auslage besichtigenden P. T. Passanten durch Zurufe verschiedenster Art belästigen und meine verehrlichen Kunden von meinem Geschäfte weg in das der erwähnten Firma gehörige zu locken versuchen, des Oefteren dabei von Erfolg begleitet sind und meiner diesbezüglichen Anzeige bei dem Gewerbe-Referat der k.k. Bezirkshauptmannschaft mangels eines Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb keine Folge gegeben werden konnte, sehe ich mich zur Wahrung meiner Interessen genötigt, dieses ungehörige Vorgehen öffentlich zu brandmarken und wiederholt dringend darauf hinzuweisen, daß der Eingang in mein Geschäftslokal nur zwischen den zwei großen Schaufenstern sich befindet.“

Was weiter bei der Geschichte herauskam, vermag ich leider nicht zu sagen. Aber die Klage des Herrn Ernst zeigt doch, dass man auch damals schon gewillt war, dem Glück in Handelsdingen ein wenig nachzuhelfen…

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Bürgerhaus, Weißkirchen (Steiermark)

Zum Jahresausklang, wie im letzten Post, noch einmal Merkur, der Gott des Handels, diesmal allerdings in einer Variante, die fast etwas unfreiwillig Komisches an sich hat – schließlich ist zu Silvester ja traditionell Heiteres gefragt…

Wieder handelt es sich um ein Giebelrelief, diesmal in Stuck ausgeführt und an einem alten Wohn- und Geschäftshaus im steirischen Weißkirchen angebracht. Mit der Jahreszahl 1860 datiert, sitzt die nackte Figur der antiken Gottheit auf einer Kiste, in der einen Hand den Botenstab, in der anderen einen kleinen Sack, vermutlich einen Geldsack. Hinter Merkur sind mehrere gut verschnürte Warenballen übereinandergestapelt, an die ein Anker gelehnt ist. Vor ihm hingegen erblickt man einige Fässer und darüber ein Segelschiff, das wohl auf den Fernhandel verweisen soll. Gerahmt wird das Ganze durch fleischige Blattranken, die auch die unteren Zwickel des Giebelfeldes ausfüllen.

Das Thema des Stuckreliefs wirkt in einer so ländlichen Umgebung auf den ersten Blick erstaunlich, lässt sich aber gut aus der Lage und Geschichte von Weißkirchen erklären: Nicht weit von der alten Handelsstadt Judenburg an einer wichtigen Straßenkreuzung gelegen, profitierte der Ort über Jahrhunderte vom regen Handelsverkehr. Als Folge davon wirkt das gut erhaltene architektonische Erscheinungsbild des Dorfkerns bis heute fast mehr kleinstädtisch als dörflich. Und auch der stuckierte Merkur verrät ja einen gehobenen, quasi städtisch-bürgerlichen Anspruch. Nur kann die Ausführung in diesem Fall mit dem Anspruch nicht ganz mithalten. Gerade im Vergleich mit seinem Wiener Gegenstück von letzter Woche wirkt der steirische Merkur geradezu plump, mehr wie ein Lebkuchenmännchen als eine antike Gottheit. Aber gerade darin liegt auch ein gewisser, nun ja, „provinzieller“ Charme, der mir die unbeholfene Figur letztlich sympathischer macht als ihr elegantes, selbstsicheres Wiener Pedant.

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