Stephansdom, Wien I

Der heutige Post beginnt wie der vorige mit einem Veranstaltungshinweis: Wie viele vermutlich ohnehin bereits wissen, steht der Tag des Denkmals wieder einmal vor der Tür. Im Rahmen von Spezialöffnungen und/oder Führungen können diesen Sonntag, 24. September, im ganzen Land historische Baudenkmäler bei freiem Eintritt besichtigt werden. (Nähere Informationen und das volle Programm gibt es hier.) Als diesjähriger Programmschwerpunkt wurde das Thema „Große Töchter“ gewählt – und um eine von ihnen wird es auch im zweiten Teil dieses Beitrags gehen…

Zunächst aber will ich den Tag des Denkmals zum Anlass nehmen, um auf ein allgemeineres denkmalpflegerisches Problem hinzuweisen, oder vielleicht sollte ich besser sagen: um den Hinweis eines spanischen Bloggerkollegen zu wiederholen. Unter dem Titel La restauración monumental. Un debate sobre la autenticidad y la ocultación (dt. etwa: Die Restaurierung von Baudenkmälern. Eine Debatte über Authentizität und Verschleierung) widmet sich Santos M. Mateos Rusillo der Frage nach dem heutigen Zustand historischer, vor allem gotischer Bauwerke. Er betont, dass gerade an gotischen Monumenten vieles, wenn nicht sogar das meiste von dem, was man sieht, mittlerweile eine Kopie des 19., 20. oder 21. Jahrhunderts ist. Dabei zielt er nicht einmal auf die oft frei ergänzenden und fantasievoll verfremdenden „Restaurierungen“ des 19. Jahrhunderts ab, sondern einfach auf das unvermeidliche Ersetzen und Ergänzen verwitterter Bauteile.

Die in der Regel reich gegliederten Oberflächen gotischer Bauten sind ja von einer Fülle architektonischer, figürlicher und ornamentaler Verzierungen überzogen. All diese steinernen Fialen, Wasserspeier und Wimperge, die Blattmasken, Krabben und Kreuzblumen sind aber ständig Regen und Frost, Flechten und Moosen, Abgasen und Taubenkot ausgesetzt, sodass sie im Lauf der Zeit unweigerlich bis zur Unkenntlichkeit verwittern. Sie werden daher im Rahmen von, sagen wir, Wartungsarbeiten laufend ergänzt und ersetzt – zwar im Normalfall durch originalgetreue Kopien, die das ursprüngliche Erscheinungsbild bewahren, die aber eben doch nur Kopien sind.

Da Verwitterung von Gestein einen unvermeidlichen Prozess darstellt, ist an diesen Ergänzungen im Grunde nichts weiter auszusetzen. Was Mateos Rusillo aber zurecht kritisiert, ist die Art, wie diese notwendigen Wartungsarbeiten in vielen Fällen kommuniziert oder eben nicht kommuniziert werden. In Reiseführern oder auf Infotafeln in den Bauwerken selbst bleiben sie nämlich nur allzu oft unerwähnt. Stattdessen wird Besucherinnen und Besuchern der Eindruck vermittelt, das, was sie sehen, wäre „Original-Mittelalter“, wären noch exakt dieselben Steine, die vor vielen hundert Jahren durch die Hand spätmittelalterlicher Steinmetze gingen. In gewisser Weise also eine Form von Etikettenschwindel…

Beim Lesen des zitierten Beitrags musste ich unweigerlich an den Wiener Stephansdom denken. Nicht etwa, weil sich dort ein solcher Mangel an Kommunikation feststellen ließe – ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass hier die ständigen Ausbesserungsarbeiten von der Dombauhütte sehr offen thematisiert werden, schon allein, weil sie dafür ja permanent Spendengelder lukrieren muss – sondern weil die Ergänzungen im Fall des Stephansdoms besonders umfangreich sind. Sie betreffen hier nämlich nicht nur die unzähligen kleinen Verzierungen oder die Fassadenskulpturen, deren verwitterte Originale schon seit Jahrzehnten im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen sind. Nein, sie betreffen hier ganze Bauteile, allen voran den berühmten Südturm, der als „Steffl“ oft metonymisch mit dem Bau als Ganzem gleichgesetzt wird.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Spitze des 1433 fertiggestellten Turmes so baufällig, dass sie sich schon bedenklich neigte. Um den drohenden Einsturz zu verhindern, wurden ihre obersten 17 Meter um 1840 von Paul Sprenger komplett abgetragen und neu aufgebaut. (Die exakten Zeitangaben variieren in den Quellen, genannt werden: 1836–1844, 1839–1842 sowie 1841–1842.) Zur Verfestigung der Konstruktion fügte Sprenger ihr ein Eisengerüst ein. Dummerweise begann dieses aber schon bald zu rosten, und es kam zu Rostsprengungen im Gestein, sodass der obere Turmabschluss wenige Jahre darauf erst recht wieder einsturzgefährdet war.

1861 musste der damalige Dombaumeister Leopold Ernst das Spiel daher wiederholen: Noch einmal wurde die Turmspitze abgetragen, noch einmal wurde sie neu aufgebaut. (Und weil mittlerweile die Fotografie erfunden worden war, gibt es aus dieser Zeit sogar ein Foto vom Dom ohne Turmspitze.) Ernst erlebte den Abschluss der Arbeiten allerdings nicht mehr. Sie wurden erst unter seinem Nachfolger Friedrich von Schmidt vollendet: Am 18. August 1864, dem Geburtstag des Kaisers, wurde dem wiederhergestellten Südturm feierlich ein neues vergoldetes Kreuz samt Reichsadler aufgesetzt.

Auf Ernst und von Schmidt geht auch der Ausbau der Giebelreihe an der Südseite des Langhauses zurück. Die prominent über der Dachtraufe aufragenden Giebel waren noch im Spätmittelalter konzipiert worden, doch nur der westlichste – der sogenannte Friedrichsgiebel – wurde noch im 15. Jahrhundert fertiggestellt. Die übrigen wurden zwar in ihrer Grundform aufgemauert, die reiche Maßwerkverkleidung blieb jedoch unausgeführt. Noch in den Dom-Ansichten von Rudolf von Alt ist dieser unvollendete Zustand zu sehen.

Leopold Ernst machte sich nun 1853 daran, sämtliche Giebel nach dem Muster des Friedrichsgiebels zu ergänzen, um der Südfassade ein sowohl einheitlicheres als auch prachtvolleres Erscheinungsbild zu verleihen. Im Zuge dieser Arbeiten wurde auch der alte Friedrichsgiebel abgetragen und wiedererrichtet. Dummerweise erwies sich der verwendete Zement als ähnlich problematisch wie Sprengers Eisengerüst, denn er führte zu Schwefelverbindungen im Gestein und in der Folge zu Rissen. Um es kurz zu machen: Friedrich von Schmidt musste auch die Giebelreihe noch einmal abtragen und noch einmal neu aufbauen.

Vor diesem Hintergrund betrachtet, ist es nur recht und billig, dass am Sockel des Südturms nicht etwa die Porträtbüste eines mittelalterlichen Baumeisters prangt, sondern jene von Schmidts. Aus einem gotisierenden Rahmen herausschauend, bildet sie ein deutlich sichtbares, aber dennoch allzu oft übersehenes Zeichen seines maßgeblichen Anteils am heute zu sehenden Bauwerk.

Nun ist dieser Beitrag zwar ohnehin schon recht lang, aber bekanntlich ist die Wiederaufbaugeschichte des Stephansdoms mit dem 19. Jahrhundert noch nicht zu Ende: In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs fing das bereits durch Kampfhandlungen beschädigte Bauwerk Feuer, nachdem Plünderer ein Geschäft am Stephansplatz in Brand gesteckt hatten. Die Zerstörungen durch das Feuer waren massiv: Der mittelalterliche Dachstuhl wurde ebenso vernichtet wie die Gewölbe, das spätgotische Chorgestühl oder die umfangreiche Glasmalerei-Ausstattung des 19. Jahrhunderts – um nur einiges, aber bei weitem nicht alles aufzuzählen.

Unter der Leitung von Dombaumeister Karl Holey wurde jedoch unmittelbar nach Kriegsende mit der Beseitigung der Schäden und dem Wiederaufbau begonnen. Wesentlichen Anteil daran hatte eine seiner Mitarbeiterinnen im „Einsatzstab für Kultur- und historische Baudenkmäler“, Martha Bolldorf-Reitstätter. Die Schülerin und zeitweilige Mitarbeiterin Clemens Holzmeisters hatte 1934 als erste Frau in Österreich das Architekturstudium an der Akademie für Bildende Künste in Wien mit dem Diplomingenieurstitel abgeschlossen. Nach dem Krieg war sie an der Restaurierung zahlreicher prominenter Bauten in Wien beteiligt, etwa am Schloss Schönbrunn und am Belvedere. Beim Stephansdom arbeitete sie an der Wiederherstellung der Fassaden, lieferte ein Modell für die Dacherneuerung sowie Steinmetzpläne für das zerstörte Maßwerk des großen Westfensters.

Bedenkt man die wirtschaftlich prekäre Lage der unmittelbaren Nachkriegszeit, ist es erstaunlich, dass der Wiederaufbau innerhalb weniger Jahre abgeschlossen werden konnte. Die groß und stolz am Dach des Chores prangende Jahreszahl 1950 legt Zeugnis davon ab. 1952 konnte die Kirche schließlich offiziell wiedereröffnet werden.

Bolldorf-Reitstätter war damals freilich schon gar nicht mehr in Wien, sondern in Eisenstadt, wohin sie eigentlich bereits 1938 als Stadtplanerin und Bausachverständige berufen worden war. In ihrem neuen Wirkungskreis im Burgenland war sie nach dem Krieg zunächst ebenfalls für die Wiedererrichtung beschädigter Baudenkmäler zuständig. Auch in späteren Jahren spielte sie eine bedeutende Rolle in der Denkmalpflege. Bekannt geworden ist sie nicht zuletzt als Retterin von Schloss Kobersdorf: 1963 erwarb sie zusammen mit ihrem Mann, dem Architekten Leo Nikolaus Bolldorf, das kurz davor schon zum Abbruch freigegebene Gebäude, um es darauf in jahrelanger Arbeit instandzusetzen – aber davon war hier ohnehin schon einmal die Rede

Bolldorf-Reitstätter war aber keineswegs nur als Denkmalpflegerin, sondern auch als entwerfende Architektin tätig. In Eisenstadt schuf sie mit dem Bischofshof (1950–1952) und dem Hochhaus im Bahnhofsviertel (1970–1971) zwei der markantesten Gebäude der Nachkriegsmoderne. Beide können übrigens am Tag des Denkmals im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Nähere Infos gibt es im oben verlinkten Programm sowie auf der Website des Vereins Architektur Raum Burgenland, der die Führungen organisiert.

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Betriebsfassade, Wien III

Eigentlich wollte ich heute ja einen Beitrag zu einer Jahrhundertwende-Villa in den niederösterreichischen Alpen posten – ein Blick in die Tagesnachrichten hat mich aber veranlasst, diesen für nächste Woche aufzuheben und stattdessen einen aktuellen Veranstaltungshinweis einzuschieben: Wie der ORF berichtet, startet morgen die Sign Week Vienna, die ganz im Zeichen alter Wiener Geschäftsschilder steht. Die Themenwoche will im Rahmen von Ausstellungen, Vorträgen und geführten Spaziergängen auf diese oft auffällig, stets individuell gestalteten Schriftkunstwerke aufmerksam machen und die verschwindende typografische Vielfalt im Stadtraum thematisieren. (Das volle Programm gibt es hier.)

Wer hier schon länger mitliest, wird wissen, dass auch ich ein großer Freund von solchen alten Geschäftsbeschriftungen bin, sei es in Wien oder anderswo. Ich will diesen Veranstaltungshinweis daher gleich nutzen, um an dieser Stelle wieder einmal eine alte Fassadenbeschriftung zu teilen.

Dabei ist gezeigte Beispiel zugegeben eher unspektakulär, aber gerade seine Einfachheit ist es, die mich anspricht. Die Schrift selbst besteht aus jenen voluminösen, einzeln applizierten Blockbuchstaben, wie sie in Wien vor allem in der Zwischenkriegszeit gebräuchlich waren. Sie befindet sich an der einfachen, geradlinigen Fassade einer alten Papierwarenfabrik im Dritten Bezirk, schon nah an der Schlachthausgasse, wo sich zwischen die Wohnbauten bereits die Ausläufer der östlich anschließenden Industriezone mischen. Über den Fenstern und den großen Einfahrtstoren des Erdgeschoßes erstreckt sich fast über die ganze Gebäudebreite die mehrteilige Beschriftung. Links und rechts sind die hergestellten Produkte verzeichnet: „Packpapiere“ steht auf der einen, „Papiersäcke“ auf der anderen Seite. Dazwischen liest man in deutlich größerer Schrift den Namen des Inhabers, „August Wagner“, unter diesem: „Papierwarenfabrikation Ing. Otto Wagner“, vermutlich der Geschäftsgründer und Vater des Vorgenannten.

Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass dieser Papierwarenproduzent den gleichen Namen trug wie Wiens berühmtester Jugendstil-Architekt, denn mit dessen reichdekorierten Bauten hat die schlichte Betriebsfassade so gar nichts gemeinsam. Im Gegenteil, sie zeigt sogar noch jenen trüb-grauen Anstrich, der an Wiener Häusern vor gar nicht so langer Zeit noch fast Standard war, vor allem in den letzten rund zwanzig Jahren aber in den meisten Fällen durch hellere, freundlichere Farben ersetzt wurde. Teilweise ist der Putz auch schon abgebröckelt, und auch die Einfahrtstore wirken etwas heruntergekommen. Aber auch darin liegt, finde ich, eine gewisse, fast melancholische Schönheit…

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Stallungen, Trabrennbahn Krieau, Wien II

Beim letzten Mal ging es hier um den ersten reinen Stahlskelettbau Wiens: den 1919 errichteten Zielrichterturm der Trabrennbahn in der Krieau. Wie modern diese von der Architektengruppe Hoppe, Kammerer und Schönthal geplante Konstruktion damals war, vermag ein Blick auf die gleich danebengelegenen Stallungen zu zeigen. Diese entstanden nur rund zwanzig Jahre früher, zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt in den 1890ern. Es handelt sich um eine Serie von Holzriegelbauten, deren lange Fassaden in regelmäßigen Abständen durch Giebel aufgelockert werden. Entworfen wurden sie von den Brüdern Anton und Josef Drexler. Diese hatten bereits 1885 den Neubau der Galopprennbahn in der Freudenau geplant und in der Folge noch weitere Pferderennanlagen und Gestüte entworfen. Sie waren also gewissermaßen Experten für diese Bauaufgabe.

Nun waren Pferderennen zur damaligen Zeit in erster Linie ein städtisches Phänomen, aus Platzgründen lagen die Rennbahnen aber am Stadtrand und waren meist von Parklandschaften umgeben. Die Brüder Drexler wählten für die dazugehörigen Bauten daher bevorzugt die Holzriegel- bzw. Fachwerkbauweise, um den Anlagen einen ‚ländlichen‘ Anstrich zu verleihen.

In der Krieau sind vor allem die Giebel in dieser Art ausgeführt. Auffällig ist dabei der große Variantenreichtum der Detailformen: An manchen der Giebel dominieren vertikale Ständer, an anderen bilden diese mit horizontalen Schwellen rasterförmige Ornamente, an wieder anderen werden sie mit schrägen Streben oder mit verschiedenen Bogenformen kombiniert. Auch wenn ich nicht alle Giebel einzeln überprüft habe, so habe ich doch fast den Verdacht, dass jeder davon individuell gestaltet ist und sich keines der Fachwerkmuster wiederholt. Man hat das Gefühl, die Architekten wollten hier alle Kombinationsmöglichkeiten dieser Technik durchspielen. Da die Gebäude an sich jedoch aus ‚Modulen‘ von gleicher Form und Größe bestehen, herrscht trotz dieser Vielfalt in der Giebelgestaltung insgesamt ein einheitlicher Eindruck vor.

Ein kleiner Fun Fact noch zum Schluss: Als 1910 der Wettbewerb für den Neubau der Tribünen in der Krieau ausgeschrieben wurde, beteiligten sich die Brüder Drexler ebenfalls. Ihr Projekt mit dem schönen Titel ‚Vollblut‘ kam jedoch– hinter jenem von Hoppe, Kammerer und Schönthal – nur auf den zweiten Platz.

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