Palais des Beaux Arts, Wien III

Im August ist dieser Blog fünf Jahre alt geworden. Ich habe damals auch kurz überlegt, eine Art Jubiläums-Post zu verfassen, in dem ich ein wenig die Hintergründe, das Wie und Warum dieses Web-Projekts reflektiere. Letztlich habe ich es dann doch unterlassen, nicht nur, aber auch aus Zeitmangel. Nun bieten mir zwei Blogparaden doch noch eine passende Gelegenheit, einige dieser Gedanken nachzutragen. Den Anfang macht heute jene des Archäologischen Museums Hamburg, die unter dem Titel „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick!“ fragt, wie, wann und wodurch man Kultur eigentlich für sich entdeckt bzw. wiederentdeckt.

Um das übliche Format des Blogs nicht zu weit zu verlassen, will ich die Vorstellung eines bestimmten Gebäudes zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen machen. Wie schon der Titel ankündigt, geht es um das Palais des Beaux Arts in der Löwengasse im Dritten Wiener Gemeindebezirk. Es handelt sich um ein prächtiges, repräsentatives Eckhaus aus der Gründerzeit, das architektonisch seinem klingenden französischen Namen durchaus gerecht wird. Auffällig ist vor allem der runde, turmartige Ausbau der Gebäudeecke, die aus der Fassadenflucht vorspringt und so sofort den Blick auf sich zieht. Bei aller Monumentalität ist sie aber doch durch eine Reihe von Balkonen aufgelockert und rhythmisiert. Auf Traufhöhe wird dieser ‚Eckturm‘ von globentragenden Frauenfiguren flankiert, und auch sonst weisen die Fassaden reichen bauplastischen Schmuck auf.

Errichtet wurde das Palais 1908–1909 von den Brüdern Anton und Josef Drexler, einem Architektenduo, von dem hier erst unlängst die Rede war. Damals ging es um die Stallungen in der Krieau, wo die Brüder Drexler der Aufgabe entsprechend eine ländlich anmutende Holzriegelbauweise wählten. Beim Palais des Beaux Arts hingegen war ein ganz anderer Stil gefragt, denn es wurde als der mondäne Hauptsitz eines Modeverlags konzipiert. Es entstand im Auftrag des Verlegers und Kunsthändlers Arnold Bachwitz (1854–1930), der verschiedene Modezeitschriften herausgab, allen voran Chic Parisien, die mit großem Erfolg in der ganzen Welt vertrieben wurde. Der Prunkbau in der Löwengasse diente ihm aber nicht nur Verlagssitz, sondern wurde auch für Kunstausstellungen genutzt – daher auch der Name.

All die genannten Aspekte fanden direkten Niederschlag in der Gestaltung des Gebäudes. Die Architektur orientiert sich am französischen Jugendstil und verweist damit, wie Bachwitz’ Publikationen, auf Paris, die Hauptstadt der Modewelt. Der Bauherr selbst ist mehrfach in Form seiner Initialen an der Fassade präsent. Die schon erwähnten Globen spielen auf die weltumspannende Tätigkeit des Unternehmens an. Der üppige Reliefschmuck schließlich zeigt allegorische Personifikationen der verschiedenen Künste. Diese sind als leicht bis gar nicht bekleidete Frauengestalten in der Tradition Makarts wiedergegeben – und verdeutlichen damit nebenbei gesagt, dass der öffentliche Kulturblick der Belle Époque ein primär männlicher war. (Wobei man natürlich fragen könnte, ob das heute eigentlich so viel anders ist…)

Dass ich ausgerechnet dieses Gebäude für einen Text über meinen persönlichen Kulturblick gewählt habe, hat allerdings einen anderen Grund: Obwohl es als einer der monumentalsten Jugendstilbauten Wiens gelten kann, ist es nämlich erstaunlich wenig bekannt. Das liegt bis zu einem gewissen Grad daran, dass es eben bewusst den Pariser Jugendstil zitiert, in der Geschichte des Wiener Jugendstils aber eher einen Fremdkörper darstellt und damit höchstens eine Neben-, wenn nicht gar eine Statistenrolle spielt. In Reise- und Architekturführern kommt es daher tendenziell nur am Rande vor. Dennoch kommen Tag für Tag hunderte Touristen an dem Gebäude vorbei, denn es hat einen prominenten Nachbarn: Es liegt gleich neben dem Hundertwasserhaus.

Wenn man mit der Straßenbahn zum Hundertwasserhaus fährt, spaziert man auf dem kurzen Weg von und zur Haltestelle direkt am Palais des Beaux Arts vorbei. Blickt man von Nordwesten aufs Hundertwasserhaus – und das ist die ‚Postkartenansicht‘ – sieht man unweigerlich im Hintergrund den Eckturm des Palais des Beaux Arts aufragen. Der Anteil derer, die auch nur einen flüchtigen Blick auf die prachtvolle Fassade des Letzteren werfen – von Stehenbleiben rede ich ja erst gar nicht – ist trotzdem verschwindend gering. Mir ist natürlich bewusst, dass das Hundertwasserhaus von den meisten in erster Linie wegen seines Kuriositätencharakters besucht wird und weniger aus architekturhistorischem Interesse im engeren Sinn. Aber ich finde es doch immer wieder erstaunlich und, ehrlich gesagt, auch ein wenig frustrierend zu beobachten, wie dieselben Menschen, die eben noch bewundernd und fotografierend vor der einen Fassade standen, völlig achtlos an der nächsten vorbeigehen.

Nun ist es freilich nicht so, dass ich ein solches Verhalten nicht auch von mir selber kennen würde… Ich nenne das gern den kunsthistorischen Scheuklappenblick. Dieses Phänomen, dass man für gewisse Dinge offene Augen hat, für andere hingegen nicht oder zumindest weniger. Letztlich, denke ich, ist das einfach eine Frage der Zeitökonomie. Denn wenn man etwa für eine Woche oder gar nur für ein langes Wochenende in einer Stadt wie Wien ist, geht es sich rein zeitmäßig bei Weitem nicht aus, alles zu sehen, das sehenswert wäre. Allein die Wiener Friedhöfe würden ja ausreichen, um für eine Woche ein volles Programm zu haben! Oder allein die Jugendstilbauten. Oder allein die Barockkirchen und -schlösser… Man muss also zwangsweise eine Auswahl treffen, muss seine Aufmerksamkeit rationieren. Als Tourist in einer fremden Stadt oder Region verlässt man sich dabei üblicherweise auf Reiseführer oder Reiseblogs, die einem Vorschläge, manchmal auch Vorschriften („Was du auf keinen Fall verpassen darfst!“) machen, wie man seine Besichtigungstour am besten gestaltet. Ein Teil der Welt wird dabei explizit als ‚Sehenswürdigkeit‘ definiert – und alles andere, wenn man den Begriff ernst nimmt, damit automatisch als eben nicht ‚des Sehens würdig‘.

Wenn man wie ich gelernter Kunsthistoriker ist und sich beruflich mit Kunst und Kultur beschäftigt, ändert sich die Herangehensweise in der Regel ein wenig. Man ist weniger von den Vorgaben anderer abhängig und hat die Kompetenz, sich sein Programm je nach eigener Interessenslage individueller zusammenzustellen. Aber im Grunde genommen läuft auch das nur darauf hinaus, dass man seine Scheuklappen selbst justiert – am Ende geht man trotzdem mit Scheuklappen durch die Welt. Das ist natürlich etwas überspitzt formuliert und gilt vermutlich stärker im akademischen Bereich, wo man meist auf eine bestimmte Epoche und/oder auf eine bestimmte Kunstgattung spezialisiert ist, als in anderen Feldern des Kulturbetriebs. Meine eigene Erfahrung, aber auch der Blick auf Kolleginnen und Kollegen hat mich gelehrt, dass man umso mehr dazu neigt, ‚Irrelevantes‘ zu ignorieren, je stärker man sich auf ein gewisses Feld spezialisiert – und zwar nicht aus prinzipiellem Desinteresse, sondern einfach wegen der schon angesprochenen Zeitökonomie.

Mein eigenes Spezialgebiet ist ja eigentlich das Spätmittelalter, und ich erinnere mich noch sehr gut an einen dreitägigen Neapel-Aufenthalt im Rahmen eines Studienkurses mit einschlägigem Schwerpunkt: Ich habe in diesen drei Tagen so ziemlich jeden Stein gesehen, der in der Stadt zwischen 1200 und 1400 verbaut wurde – von den Bau- und Kunstwerken aus Antike und Barock, für die Neapel eigentlich berühmt ist, kein einziges. Dasselbe konnte ich aber, während und unmittelbar nach meinem Studium, auch bei selbst organisierten Tagesausflügen und Exkursionen in viel regionalerem Rahmen beobachten. Wenn ich nach Hintertupfing fuhr, um dort die gotische Kirche zu besichtigen, dann nahm ich mir selten die Zeit, auch den danebenstehenden barocken Pfarrhof, das alte Bauernhaus am Weg zur Kirche oder die Jugendstilvilla am Ortsrand zu beachten, denn schließlich warteten ja auch in Mittertupfing und Vordertupfing noch mittelalterliche Kirchen, die besichtigt sein wollten…

Solche Erkundungstouren mit striktem thematischem Schwerpunkt finde ich nach wie vor ausgesprochen reizvoll – in gewisser Weise gleichen sie ja einfach thematischen Ausstellungen in Museen, nur dass die einzelnen Werke dabei nicht an einem Ort zusammengeführt werden, sondern übers Land oder über eine Stadt verstreut sind. Bei aller Liebe zum Mittelalter habe ich im Lauf der Zeit aber mehr und mehr festgestellt, dass mir dieser fachbedingt verengte Blick auf die Dauer zu wenig ist. Und das hat zu einem gar nicht unerheblichen Teil mit dem Internet zu tun – und mit dem Medium Blog.

Vor rund zehn Jahren habe ich damit angefangen, Blogs zu lesen. Heute gibt es ja eine erfreulich hohe Dichte sowohl an deutschsprachigen Kunst- und Kulturblogs als auch an Blogs mit Mittelalter-Schwerpunkt, vor zehn Jahren war die einschlägige Blog-Landschaft aber noch deutlich überschaubar: Das Angebot war so gut wie ausschließlich auf Englisch, und die Kunstgeschichte-Blogs, die es gab, behandelten vor allem die Renaissance, das 19. Jahrhundert und die Klassische Moderne. Anders gesagt, es ging meist um Themen und Bereiche, von denen ich eigentlich gesagt hätte, dass sie mich nicht oder nur wenig interessierten. BlogerInnen wie Monica Bowen oder der leider mittlerweile verstorbene Hazan Niyazi schrieben von diesen Dingen aber mit solcher Begeisterung, dass ich unweigerlich davon angesteckt wurde. Sie schilderten ihre ganz persönliche Begegnung mit Werken, die mir davor relativ gleichgültig waren, mit einem Enthusiasmus, der mich inspirierte, auch selbst wieder stärker über den Tellerrand hinauszuschauen, Neues zu entdecken, lange Ignoriertes wiederzuentdecken – und eben auch dem barocken Pfarrhof oder dem alten Bauernhaus in Hintertupfing mit derselben Achtung zu begegnen wie einem gotischen Bau, dem vielleicht mein unmittelbares wissenschaftliches Interesse galt.

Als besonders prägend erwies sich für mich der English Buildings Blog von Philip Wilkinson. Er regte mich nicht nur dazu an, verstärkt auf die alltäglichen, oft relativ unspektakulären, aber für einen Ort oder eine Region prägenden Gebäude am ‚Wegesrand‘ zu achten; er regte mich auch dazu an, selbst einen Blog zu starten, der anstatt von englischen eben österreichische Baudenkmäler vorstellt… Was den Blick und das Schauen betrifft, wiederholt Philip Wilkinson, gerade in Städten, übrigens gerne das Motto: ‚Look up!‘ Denn auf Augenhöhe befinden sich meistens nur neue Geschäftsfronten und Schaufenster, aber in den darüberliegenden Geschoßen gibt es oft viel an architektonischem oder skulpturalem Schmuck zu entdecken. Und genau dafür ist in Wien wiederum das Palais des Beaux Arts mit seiner reichen Fassade ein hervorragendes Beispiel. Selbst wenn man das Gebäude, so wie ich, durchaus schon das eine oder andere Mal betrachtet hat, kann man hier immer noch Neues entdecken. So ist mir erst, als ich unlängst die Fotos für diesen Beitrag gemacht habe, bewusst aufgefallen, dass die Personifikation der Malerei zu ihren Füßen genau jenen alten Malerschild hat, der schon im vorigen Post vorkam…

Wenn ich heute meinen persönlichen Kulturblick auf eine einfache Formel bringen müsste, so würde sie daher wohl einfach lauten: Augen offenhalten und neugierig bleiben.

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5 Antworten zu Palais des Beaux Arts, Wien III

  1. Dr. Peter Diem schreibt:

    Wäre es vielleicht möglich, irgendeine Kooperation mit dem Austria-Forum http://austria-forum.org
    einzugehen?

    Vgl.: https://austria-forum.org/af/Biographien/Plecnik%2C_Josef

    Mit bestgen Grüßen
    Dr. Peter Diem
    peter.diem@gmail.com

  2. Pingback: Die Bücher meiner Kindheit #KultBlick | Ich lebe! Jetzt!

  3. Pingback: Blogparade: „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick!“ | #KultBlick - AMH Blog

  4. Manuel schreibt:

    Schon fantastisch, dass es den Denkmalschutz gibt und uns solche Wunder erhalten bleiben! Auch wenn man dafür um sein Bad zu renovieren in Wien halb wahnsinnig wird und erst mal echten Wiener Grant empfindet wegen der ganzen Auflagen :D http://www.koenig-heinrich.at/sanierung/badsanierung Hab aber zum Glück einen tollen Baumeister für diesen Zwecke gefunden :)

  5. Pingback: Mit Pauken und Trompeten – wir blicken auf unsere Blogparade zurück #Kultblick - AMH Blog

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