Zeller-Haus (II), Innsbruck (Tirol)

Abergläubisch?

Ein P.S. zum Beginn: Kaum dass ich diesen Blog-Post fertig geschrieben hatte, erschien in meinem Feedreader ein Aufruf des Grazer Museumsblogs zu einer Blogparade zum Thema Aberglauben. Zufällig passt mein Beitrag nun tatsächlich einigermaßen zu diesem Thema – oder ist das am Ende vielleicht mehr als Zufall…? Wie dem auch sei, nehme ich das doch gleich zum Anlass, diesen Post ganz offiziell als Beitrag zur Blogparade zu deklarieren…

Es ist keine Seltenheit, dass – wie im vorigen Beitrag zu sehen – über den Portalen frühneuzeitlicher Häuser das Wappen des einstigen Besitzers angebracht ist. Gleich mehrere Beispiele dafür findet man in der Innsbrucker Herzog-Friedrich-Straße, eines davon am sogenannten Zeller-Haus, von dem hier schon einmal die Rede war. Da es sich allerdings um ein Laubenhaus mit Erker handelt, wurde das Wappen hier nicht über dem von den Lauben verdeckten Hauseingang, sondern am von der Straße sichtbaren Erker angebracht.

Genau genommen haben wir es hier sogar mit mehreren Wappen zu tun: Ins unterste Erkergeschoß sind drei annähernd quadratische Steinreliefs eingelassen, von denen die beiden äußeren jeweils heraldische Darstellungen zeigen – oder vielleicht sollte man besser sagen „zeigten“. Die Reliefs sind nämlich so stark verwittert, dass sich die Wappen selbst heute kaum mehr erkennen lassen. Es ist daher leider auch unmöglich zu sagen, ob es sich um jene der Bürgerfamilie Zeller handelte, die das Haus vom späten 15. Jahrhundert bis 1543 besaß. Prinzipiell erscheint mir eine Entstehung der Reliefs in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts allerdings ausgesprochen plausibel (auch wenn die Österreichische Kunsttopographie eine Datierung in die zweite Jahrhunderthälfte vorschlägt*).

Interessanter als die beiden Wappenfelder ist in diesem Fall aber ohnehin das zentral angebrachte Relief: Es enthält eine Art Haussegen. In seiner Mitte erblickt man ein T-förmiges Kreuz, das von einer gerollten Kartusche mit zweizeiliger Inschrift umgeben ist. Darunter befindet sich eine weitere, ebenfalls zweizeilige Inschrift, die in gotischen Minuskeln den ersten Vers des 127. Psalms wiedergibt: Nisi dominus custodiet civitatem, frustra vigilat, cui custodit eam – Wo der Herr nicht die Stadt behütet, wacht der Wächter umsonst. Hier wird also ganz direkt, in gut christlich-biblischer Tradition die Notwendigkeit göttlichen Schutzes angesprochen.

Um göttlichen Schutz geht es auch in den Texten auf der Kartusche, die nun prominenter in Maujuskeln, also Großbuchstaben gehalten sind. Allerdings verlassen wir hier das sichere Terrain der Bibelzitate und gelangen in einen Bereich, der sich, vorsichtig ausgedrückt, an der Grenze zum Aberglauben befindet. Theologisch solide wirkt immerhin noch die Inschrift auf der inneren Zeile der Kartusche: XP [=CHRISTUS] REX VENIT IN PACE ET DEVS HOMO FACTVS EST – Christus, der König, kommt in Frieden, und Gott ist Mensch geworden. Inhaltlich gibt es daran aus christlicher Sicht natürlich nichts auszusetzen, aber die Textpassage hat doch eine etwas dubiose Quelle: Sie wurde im Mittelalter der Cumäischen Sybille zugeschrieben. Bei der Sybille handelte es sich um weissagende Priesterin der römisch-heidnischen Antike, doch entstand im Mittelalter die Legende, sie habe in einer ihrer Prophezeiungen die Geburt Christi vorhergesagt. So wurde die Sybille zu einer Art proto-christlicher Prophetin stilisiert, und das ihr zugeschriebene Zitat am Zeller-Haus erfreute sich als Segensspruch offenbar einiger Beliebtheit. Man findet es etwa auch auf Glocken oder, vor allem in Italien, an Kirchtürmen.

Letzteres gilt auch für die Inschrift der äußeren Zeile an der Kartusche, die zum Großteil verschiedene hebräische Namen Gottes beinhaltet: TETRAGRAMMATON ADONAI SAB[…] [EMA]NUEL ANANISAPTA. Diese Segenswörter finden sich einzeln oder in verschiedenen Kombinationen an Glocken, Türmen und Portalen. Das erste der Wörter, Tetragrammaton, ist streng genommen nicht hebräisch, sondern griechisch und bedeutet übersetzt „Vierfachzeichen“ – gemeint ist damit der aus vier Zeichen bestehende Gottesname der Hebräischen Bibel, JHWH. Das zweite Wort, das hebräische Adonai, entspricht der ehrfürchtigen Anrede „Herr“. Das dritte ist leider stark beschädigt, wird in der Kunsttopographie jedoch zu Sadai (Allmächtiger) ergänzt.** Allerdings scheint mir der gerade noch lesbare dritte Buchstabe eher ein B denn ein D zu sein, weshalb man auch an Sabaoth (etwa Herr der Heerscharen) denken könnte. Das vierte Wort ist ebenfalls nur teilweise erhalten, lässt sich aber einigermaßen sicher als Emanuel (Gott mit uns) rekonstruieren.

Etwas problematischer ist das letzte noch erkennbare Wort, Ananisapta. Trotz verschiedener Versuche konnte seine genaue Bedeutung bis heute nicht schlüssig ermittelt werden. Einigkeit besteht aber darin, dass es sich in irgendeiner Form um ein Akronym bzw. ein hebräisches Notarikon handeln dürfte, also ein Kunstwort, das sich aus den Anfangs- und/oder Endbuchstaben einer Reihe anderer Wörter zusammensetzt. Einigkeit besteht auch darin, dass es sich ebenfalls um eine Art Segenswort handeln dürfte – das Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens spricht von einer „Pestabwehrformel“.*** Dazu passt, dass es etwa auch an zwei mittelalterlichen Stadttoren in Ingolstadt angebracht wurde, doch findet man es auch im Gebetsbuch Kaiser Maximilians I. (zu dem, wie hier früher schon erläutert, der Erbauer des Zeller-Hauses in Verbindung stand).

Nun steht natürlich auch die Verwendung hebräischer Gottesanrufungen prinzipiell keineswegs in Widerspruch mit den christlichen Glaubenslehren. Ein wenig zwielichtig wird die Sache jedoch, wenn man bedenkt, dass gerade solche hebräischen Wörter und Floskeln gerne auch in Zaubersprüchen benutzt wurden. Das lag daran, dass man die Erfindung der schwarzen Magie dem alttestamentarischen König Salomon zuschrieb, zum Teil lag es aber wohl auch schlichtweg an der altertümlich-exotischen Aura des Hebräischen (vergleichbar dem Phänomen, dass heute etwa Buffy und Harry Potter ihre Zaubersprüche auf Latein aufsagen und nicht einfach in ihrer Muttersprache). Womit wir es bei den Inschriften am Innsbrucker Zeller-Haus zu tun haben, sind demnach nicht schlichte Anrufungen Gottes um Hilfe und Beistand, sondern eher religiös aufgeladene Bannformeln, die eine unmittelbare magische Schutzwirkung entfalten sollten. Selbst wenn man Vergleichbares auch an Kirchtürmen und Kirchenglocken findet, handelt es sich hier also letztlich um Praktiken, welche der Grenze vom Glauben zum Aberglauben zumindest gefährlich nahe kommen.

* Österreichische Kunsttopographie, Bd. 38, 1: Die profanen Kunstdenkmäler der Stadt Innsbruck. Altstadt – Stadterweiterungen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, bearbeitet von Johanna Felmayer, Wien 1972, S.156;        ** Ebenda;        ***  Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens, Bd. 1: Aal – Butzemann, hg. von Eduard Hoffmann-Krayer und Hanns Baechtold-Staeubli, Berlin 1927, Sp. 395.

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Another example of a 16th-century building with the crest of its owner on the facade, the so-called Zeller-House in Innsbruck (which I have already discussed in a previous post). In this case, though, we have three relief panels, only two of which contain coats of arms, while the central panel displays a sort of carved house blessing: It is made up of the sign of the cross, a quote from Biblical  psalm 127, and a several variants of the name of God in Hebrew. These Hebrew words were believed to have magical powers and therefore to offer immediate protection to the house and its inhabitants.

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